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Trauer, Wut, und Revolution

Während ich besonders in dem letzten Jahr einen unheimlich großen emotionalen Prozess durchlaufen bin, haben meine Eltern immer nur von den Resultaten gehört. Meine Gefühle habe ich aber nie sonderlich mit ihnen geteilt. Wenn ich ganz ehrlich bin, wussten Sie all die Jahre gar nicht so wirklich, was in meinem Inneren abgeht. Ich merke, wie mir gerade beim Schreiben die Tränen kommen. Es tut mir irgendwie Leid, dass ich all die Jahre für mich behalten habe, welche Gefühle ich mit mir rumtrage. Es tut mir sowohl für mich Leid als auch für meine Familie. Irgendwie dachte ich mir aber auch nicht so viel dabei, als ich mit 16 Jahren nicht mehr gerne morgens aufgewacht bin. Ich hatte nicht mehr diese Freude auf den Tag. Ich wollte am liebsten gar nicht aufstehen, weil ich mich schon so erschlagen gefühlt hatte, bevor der Tag überhaupt begonnen hatte. Jeder Morgen hat sich wie ein gewaltiger Berg angefühlt, den ich hochsteigen musste, um zu überleben. Meine Tage waren begleitet von ständiger Müdigkeit, die sich keiner erklären konnte, Abgeschlagenheit und einem Satz, den alle meine Freunde besonders in den letzten zwei Jahren leider viel zu oft von mir hören mussten: Ich kann nicht mehr. Worte die ich lange Zeit nicht richtig einordnen konnte. Worte, von denen ich mir lange gar nicht bewusst war, dass ich sie so oft ausspreche. Durch meine Gefühle und meinen Gemütszustand war ich all die Jahre felsenfest überzeugt davon, dass irgendetwas mit mir falsch sein muss. Ich war so überzeugt davon, dass ich mir alle möglichen Diagnosen selbst unterstellt habe. Ein verzweifelter Versuch endlich Antworten auf mein Leiden zu finden. Endlich zu verstehen, warum ich mich so fühle, während andere scheinbar so gut in dieser Gesellschaft funktionieren können. Je mehr ich mich nach der Gesellschaft orientiert habe, desto schlechter ging es mir. Je mehr ich versucht habe reinzupassen, desto mehr war die Konsequenz Gefühle wegdrücken zu müssen. Selbst das Essen war in diesen Zeiten kein Genuss mehr für mich, sondern ein Mittel, um meinen eigenen Gefühlen zu entkommen. Wahrheiten, die ich meiner Familie nie mitteilen konnte. Ich hatte Scham und Schuldgefühle. Ich hatte den Eindruck, dass ich Leuten angefangen hatte etwas vorzuspielen. Eine gute Laune vorzutäuschen, die eigentlich nicht da war. Eine gute Laune, von der ich wusste, dass sich viele meiner Mitmenschen nach dem Gespräch mit mir besser fühlen würden. Eine gute Laune, die mich noch schlechter fühlen lassen hat als vorher. Noch schlechter, weil ich schon wieder alles dafür getan hatte, dass sich alle in meiner Gegenwart möglichst wohl fühlen, während ich die war, deren Inneres so sehr nach Hilfe geschrien hat. Ich war zutiefst deprimiert. Ich habe mich unverstanden gefühlt. Ich hatte den Eindruck, dass mir kaum einer richtig zuhört. Kaum einer wirklich Zeit hat. Kaum einer Prioritäten auf andere Menschen legt, sondern lieber auf anerkennende Bereiche, wie das Studium. Vor allem aber war ich die Person, die sich vieles selbst angetan hat. Ich habe mich nach Menschen gesehnt, die sich Raum für meine Gefühle nehmen. Aber letztlich habe ich mir vor anderen keinen Raum für meine negativen Gefühle eingestanden. Ich habe vor anderen nicht akzeptiert, dass es mir nicht gut geht. Ich habe festgehalten an dieser Idee von mir, die zu sein, der es immer gut geht. Ich hatte immer noch festgehalten an dieser Identität, obwohl es so viel Leid in mir geschaffen hat. Ich habe nicht akzeptiert, dass ich Hilfe brauche, dass es mir nicht gut geht. Wahrscheinlich musste mein Leidensdruck genau so groß werden, wie er war, damit ich in der Lage bin eine Veränderung zu schaffen. Vielleicht ist es genau das, was das Leben mit seinen Veränderungen ausmacht: Vor jeder Veränderung muss sich jahrelang etwas anbahnen, ein Leid entstehen, das der Mensch irgendwann nicht mehr vor sich leugnen kann. Um eine Veränderung schaffen zu können, müssen die Kosten für die alte Identität eben so hoch werden, dass der Mensch keine andere Wahl mehr hat, als loszulassen. In dem Moment der Akzeptanz sich selbst gegenüber, geschieht dann alles Interessante. Die Akzeptanz für das Loslösen von der alten Identität schafft Raum für eine Veränderung, die vorher nicht möglich war. Das Loslassen schafft also Raum für ein Neues Ich, und der Leidensdruck, war die notwendige Kraft, um diesen Prozess überhaupt zu ermöglichen: Ohne Leiden würde es also nie in irgendeiner Form Veränderung geben. Sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene muss der Leidensdruck groß genug werden, um irgendeine Form der Veränderung zu bewirken. Während sich der Prozess im Individuum, an dem Festhalten an der eigenen Identität zeigt, ist es auf gesellschaftlicher Ebene erst ein Wandel, wenn genug Individuen erkennen, wie viel ihres Leids durch unsere Konditionierung aus dem System entsteht, in das wir reingeboren sind. Die Menschen müssen sich bewusst werden, wie viel Leid durch unser soziales System sogar noch belohnt wird. Es wird belohnt, wenn du funktionierst, dich mit Leistungen identifizierst, deine Bedürfnisse unterdrückst, und deine innere Wahrheit vor dir selbst verleugnest. Nein, deine Disziplin ist kein Zeichen innerer Stärke. Es ist ein Zeichen innerer Schwäche. Es ist das Zeichen eines Menschen, der weiterhin bereit ist, seine Gefühle zu unterdrücken, um gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen. Disziplin sollte nie gegen dich gerichtet sein, sondern für dich und deine Integrität sprechen. Reife Disziplin zeigt sich eben darin, konsequent ehrlich mit dir zu sein, und die eigene Heilung nicht aufzuschieben. Das ist eben der feine, aber entscheidende Unterschied zwischen Selbstdisziplin und Systemdisziplin. Aber jegliche gesellschaftliche Veränderung kann erst geschehen, wenn sich genug Menschen im Inneren verändert haben. Wenn genug Individuen ihre Werte und Prioritäten verlagern, erst dann wird sich auch das kollektive System verändern. Erst dann werden Menschen in anderen Bereichen nach Anerkennung suchen, und auf einmal vielleicht lieber ein guter Freund für jemanden sein wollen, als der beste Sänger der Welt. Erst dann werden Menschen, die sich nach nichts mehr sehnen als nach Anerkennung von der Gesellschaft nicht mehr über einen Großteil der Menschheit bestimmen: Ihre Macht kann eben nur so lange über uns existieren, wie wir weiterhin der Suche nach Status und Anerkennung folgen. Ihre

Schwere einsichten vor meiner Abreise 

Nun hatte ich also meiner WG vermittelt, dass ich nicht länger dort leben möchte, weil ich reisen möchte. Als hätte das nicht gereicht, hat mich mein Mitbewohner dann noch gefragt, was denn der wahre Grund sei, warum ich ausziehen möchte. In dem Moment habe ich erstmal geantwortet, dass es keinen anderen Grund gäbe, als die Lautstärke der Straße und meinen Wunsch zu reisen. Ein wenig später habe ich aber den Entschluss getroffen, Ihnen zu erläutern, warum ich auch ausziehen wollen würde, wenn ich nicht hätte reisen wollen. Ich wollte ehrlich sein, auch wenn es bedeuten sollte, dass sie mich danach weniger mögen sollten. Ich wusste, ich könnte die Worte niemals aus meinem Mund bringen, wenn ich nicht einen Brief schreiben würde. Einen Brief, der es mir ermöglicht meine Sichtweise und Gefühle zu äußern, auch wenn es andere kränkt und verletzt. Also hatte ich uns alle zusammengetrommelt und vorgelesen:Ich habe Ihnen gesagt, dass ich nicht mehr aus einer Angst heraus handeln möchte, nicht mehr aus einem Mangel herausgetrieben sein möchte. Ich möchte mich meinen Gefühlen stellen, ihnen Raum geben sein zu dürfen, ohne Sie in irgendeiner Form wegdrücken zu müssen. Und genau deswegen konnte ich nicht in der WG bleiben: Ich hatte den Eindruck, dass sich unser WG Leben überwiegend darum gedreht hat, Ablenkung von den eigenen Gefühlen zu finden. Diese Ablenkung konnte in ganz verschiedene Richtungen gehen: Bei dem einen war es das Studium, bei dem anderen der Joint, bei dem anderen ein ständiges Bedürfnis nach Nähe, bei dem anderen war es ein Unwohlsein mit Stille. Ich konnte mich und meine eigenen Muster auch so sehr in meinen WG-Mitbewohnern sehen, dass es für mich schwer war, mich von ihren Gefühlen abzugrenzen. Es hat mich tatsächlich unfassbar traurig gemacht, weil mich ihre Verhaltensweisen an genau die Zeiten erinnert haben, in denen ich meine eigenen Gefühle ständig selbst sabotiert habe, um gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden. Eine Zeit, der ich doch noch ganz frisch geschworen hatte, nicht zu ihr zurückkehren zu wollen. Gleichzeitig wusste ich, dass ich ein Mensch bin, der sehr leicht von seinem Umfeld beeinflusst wird, und vor allem eigentlich auch sehr harmoniebedürftig ist. Also war mir klar, wenn ich hier bleiben sollte, würde ich wieder in genau die gleichen Muster fallen, aus denen ich doch so unbedingt raus will. Als ich den Brief vorgelesen hatte, musste ich anfangen zu weinen, aber bis heute verstehe ich nicht ganz, warum ich weinen musste: tat es mir Leid für meine WG Mitbewohner, dass ich das WG Leben so wahrnehme, hatte ich Angst vor ihren Reaktionen, war ich erleichtert es ausgesprochen zu haben. Bis heute weiß ich es nicht. Und dann war da noch meine Familie. Meine Familie, die ich doch ohnehin schon andauernd überfordere mit meinen ständig wechselnden Zukunftsplänen. Und jetzt hatte ich auch noch den Plan ohne Ziel auf Reise zu gehen, und mir mit Straßenmusik den Unterhalt zu verdienen. Den Traum, den sich die meisten Eltern wohl niemals für Ihre Kinder wünschen. Ich konnte aber nicht mehr anders handeln. Ich wollte nicht länger in Bücher oder Unis reingehen, ich wollte endlich rausgehen, um mir mein eigenes Bild von der Welt zu machen. Ich hatte es satt immer nur die zu sein, die Fragen stellt. Ich wollte endlich selbst durch meine eigenen Erfahrungen Antworten finden. Ich war endlich bereit Fehler zu machen, endlich bereit zu scheitern, und endlich bereit in den Augen einiger nicht mehr zu sein als ein bemitleidender Straßenmusiker, der es nicht geschafft hat. Ich wollte endlich lernen meinen Wert auch ohne Titel, Kleider, oder gepflegte Schuhe anzuerkennen. Mein Wert, der eben in nichts Geringerem liegt als meiner vollkommenen Authentizität. Mein Wert, der eben genau in der Person liegt, die ich bin, wenn es mir egal ist, was andere Menschen über mich denken. Ein Weg, der für meine Eltern anfangs schwer zu akzeptieren war: „Warum musst du denn immer etwas machen, das so anders ist? Warum kannst du nicht einfach mal was Normales machen?“ Nicht nur meine Eltern auch manche Kommilitonen haben meinen Wunsch subtil abgewertet: Zum Teil wurde er als eine Entwicklungsphase hingestellt, eine Phase, über die sie aber schon längst hinweggekommen sind. Es waren Reaktionen meines Umfelds auf die ich nicht vorbereitet war. Immer wieder kamen in der Zeit Rückfragen, dass ich doch auch dies und jenes machen könnte? Und was wenn…? Ich konnte stärker denn je wahrnehmen, wie viel Unsicherheit sich von meinen Verwandten auf mich übertragen hat. Ich habe mich wieder angefangen selbst zu hinterfragen: Mache ich das wirklich nur, um etwas Besonderes zu sein? Ist es wirklich möglich von Musik zu leben? Während es mir doch selbst schon schwer genug fiel diesen mutigen Schritt zu wagen, wurden mir von manchen Seiten auch noch verbal Steine in den Weg gelegt. Dabei habe ich mir doch nichts mehr als Vertrauen und ermutigende, aufbauende Reaktionen gewünscht. Es war ein Zeitpunkt, an dem ich aber auch begriffen habe, dass ich mehr Selbstvertrauen aufbauen muss. Es hat mir gezeigt, dass die Reaktionen meiner Mitmenschen, mein Schiff noch zu sehr ins Wanken bringen. Ich bin mir sicher, vor ein paar Jahre hätten die gleichen Wellen mein Schiff noch zum Kentern gebracht.Generell ist mir mehr und mehr klar geworden, dass sich manche Menschen fast schon persönlich angegriffen gefühlt haben, wenn ich ihnen von meiner Sichtweise oder meinen Vorhaben erzählt habe. Mehr und mehr habe ich gemerkt, dass viele Menschen angefangen haben ihren eigenen Weg vor mir zu rechtfertigen. Es wirkte auf mich fast so, als wäre es nicht in Ordnung, wenn zwei Wege nebeneinander existieren. Ich hatte auch den Eindruck, dass es vielen Menschen wichtig war, dass ihr Weg über dem der anderen steht: Als müsste ihr Weg, der Bedeutungsvollere, Wichtigere und Richtigere sein. Es hat in mir ebenfalls ein Unbehagen ausgelöst: Wenn ich zur Uni gehen könnte, wenn ich wüsste, dass dieses System gut mit mir als Mensch funktioniert, dann würde ich nichts lieber tun, als endlich mal dazugehören zu können. Endlich mal Teil einer Gruppe sein zu können, ohne die zu sein, die sich schon wieder nicht anpassen

Nun habe ich es in der Hand 

Zurück in der WG angekommen, wusste ich, dass ich eine Entscheidung treffen muss. So wie mein Leben jetzt war, wollte ich es nicht leben. Ich habe ständig dieses Gefühl gehabt, dass das doch jetzt noch nicht alles im Leben gewesen sein kann.In meinen Augen hatte ich genau drei Optionen zur Auswahl: 1. Das Zukunftsjahr im Ökodorf zu machen, um eine Orientierung für meine inneren Bedürfnisse und Wünsche zu bekommen, und Selbstvertrauen zu bekommen 2. Für eine dreimonatige Aufenthaltsphase zurück ins Kloster zugehen, um meine Gedanken zu verstehen, und um resilienter und fokussierter zu werden, letztlich also auch um Selbstvertrauen zu bekommen 3. Versuchen meinen eigenen Weg zu gehen, in dem ich einfach mit meiner Leidenschaft Musik und meinem Rucksack losreise, um zu gucken was kommt, und das Ziel war auch hier das gleiche, Selbstvertrauen zu bekommen in meine Intuition, und vor allem in meine eigenen Entscheidungen Für alle drei Optionen konnte ich gute Gründe finden, aber was mir nach kurzem Nachdenken ziemlich schnell aufgefallen ist, dass es bei den ersten zwei Optionen genau einen Haken gibt: Mein Selbstvertrauen wird möglicherweise abhängig von dem Umfeld sein. Für mich war aber folgendes für meine Entwicklung entscheidend: Ich möchte Selbstvertrauen haben, auch wenn keiner da ist, der meine Ansichten unterstützt. Ich möchte ein Selbstvertrauen in mich haben, das nicht von einer Gruppe abhängt. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass sowohl das Zukunftsjahr als auch das Kloster wieder so geschützte Rahmen sind. Letztendlich sind es eben auch wieder Strukturen, die allein durch ihr Umfeld eine Sicherheit versprechen. Und obwohl ich mich eigentlich so sehr nach tiefer Verbundenheit gesehnt habe, war mir dieser eine Entwicklungsschritt eben noch wichtiger: Ich wollte, ein unabhängiges Selbstvertrauen entwickeln, das selbst dann zu dem eigenen Weg steht, wenn die Gesellschaft mit einem bemitleidenden Blick runter gucken sollte. Aktuell glaube ich auch, dass die gesündeste Verbundenheit daraus resultiert, dass zwei Menschen auch ohne das Gegenüber genug Selbstvertrauen haben, um Entscheidungen zu treffen. Das eine Verbundenheit eben nicht aus einem, ich brauche dich, weil ich nicht ohne dich kann resultiert, sondern aus einer freien Wahl für die Person. Aus einer Wahl, die eben nur frei sein kann, wenn beide Person genug unabhängiges Selbstvertrauen entwickelt haben. Also stand für mich fest, ich werde genau den Weg gehen, der am unbequemsten ist, gleichzeitig aber auch am meisten Wachstum ermöglicht.

Ein Wochenende im Ökodorf

Mit den anderen Interessenten fürs Zukunftsjahr habe ich mich schnell sehr wohl gefühlt. Ich hatte den Eindruck, dass wir alle Suchende wahren, die bisher noch keine tiefe Zufriedenheit finden konnten, in der Gesellschaft, wie sie eben aktuell funktioniert. Es hat sich auch ein Stück weit erleichtert angefühlt, dass wir nicht mehr allein waren mit unseren Zweifeln gegenüber der Gesellschaft. Hier bin ich auch besonders mit dem Koch in der Kantine auf Resonanz gestoßen. Wir haben uns köstlich amüsiert, über die Tatsache, dass wir doch tatsächlich wählen, gehen dürfen. Wir dürfen einen Vertreter für unsere Wünsche wählen, damit wir nicht selbst entscheiden müssen. Wir dürfen Steuern zahlen, damit Entscheidungen für uns getroffen werden, von denen wir selbst so weit weg sind, dass wir sie gar nicht mehr alle überblicken können. Köstlich amüsieren mussten wir uns darüber, dass wir uns in diesem System nie frei fühlen konnten und deswegen nach Alternativen gesucht haben. Obwohl uns der Humor zum Lachen gebracht hat, wussten wir beide, dass auch eine tiefe Trauer hinter unserer Ironie versteckt war. Aktuell sehe ich diese Aussagen wieder differenzierter, aber zu diesem Zeitpunkt konnte ich nur das Negative an unserer Gesellschaft sehen. Zurück zum Ökodorf: Es hatte eine eigene Kantine, mit fast ausschließlich selbst angebauten Lebensmitteln. Hier konnte ich also noch befreit essen, ohne darüber nachdenken zu müssen, wie viele Konservierungsstoffe ich nun schon wieder zu mir nehme. Allein zu wissen, dass ich hier einfach drei Mal am Tag gute Lebensmittel serviert bekomme, war für mich eine unglaubliche Luxusvorstellung. Dazu gab es noch eine Schule für freie Entfaltung. Eine Schule, in der die Kinder noch selbst erforschen durften, wofür sie sich interessieren. Hier gab es keinen klassischen Frontalunterricht, keinen Lehrplan, sondern ein Lernen durch freies Spielen. Rechnen wurde gelernt, in dem die Kinder ein Rollenspiel an einer Supermarktkasse gespielt haben. Nicht, weil es ihnen vorgegeben worden ist, sondern rein aus einem intrinsischen Interesse heraus. Lehrer gab es hier auch keine, sondern Begleiter. Begleiter mit verschiedenen Schwerpunkten, die den Kindern in den Themenfeldern helfen konnten, wenn sie Fragen hatten. Wir hatten drei Begleiter für unser Zukunftsjahr. Unsere Begleiterin hatte uns die Schule gezeigt, und erklärt, dass die meisten Kinder erst sehr viel später anfangen abstrakt zu denken, wenn sie denn den Freiraum haben. Außerdem haben sich die Mehrheit der Kinder intrinsisch weniger für abstrakte Themen und abstraktes Denken interessiert. Als der Satz gefallen ist, musste ich ein wenig schmunzeln. Ich musste darüber nachdenken, wie viel Prozent aller Menschen mittlerweile in die Uni geht, die Institution für höhere Bildung. Allein diese subtile Bewertung unserer Gesellschaft Ausbildungen gegenüber macht mich wütend. Allein dieser Begriff: Institution für höhere Bildung. Höhere Bildung, wie kann man überhaupt behaupten, dass die Bildung in einem Feld höher wäre als in einem anderen arghhhhh. Naja, ich wollte ja eigentlich nur von den Erfahrungen im Ökodorf berichten, aber irgendwie ist es mir dabei unmöglich, nicht meine Gesellschaftskritik loszuwerden, weil sie so sehr mein Inneres aufwühlt. Während ich fasziniert von dem Kreislauf des Ökodorfs war, hatte ich das Gefühl, dass unsere Begleiter ein wenig müde waren. Nach diesem Wochenende hatten Sie aufjedenfall auch Urlaub, und ich hatte den Eindruck, dass sie den auch wirklich brauchten. Ich fand es ein wenig schade, weil ich glaube, dass ihre Abgeschlagenheit meine Gefühle gegenüber dem Ökodorf sehr stark beeinflusst hat: In meinen Augen haben diese Menschen so viel aufgebaut, so viel gearbeitet, um diesen wundervollen und besonderen Ort zu schaffen, und gleichzeitig hat es auf mich so gewirkt, als könnten Sie selbst gar nicht mehr sehen, was da eigentlich vor Ihnen liegt. Wir konnten uns auch mit den Teilnehmern vom letzten Zukunftsjahr unterhalten, und obwohl jeder Einzelne es weiterempfohlen hat, konnte mich eine Wahrnehmung nicht loslassen. Mir hat in den Gesichtern, das Leuchten gefehlt, die Begeisterung für das, was Sie erlebt hatten. Ich hatte mich auch mit einer jungen Erwachsenen unterhalten, die in dem Dorf groß geworden ist, und einen ähnlichen Eindruck bekommen. Sie wirkte auf mich nicht wirklich zufrieden, sondern eher ein weniger gelangweilt von dem Leben im Dorf. Ich hatte sie gefragt, wie ihre Kindheit war, wie es sich angefühlt hat hier aufzuwachsen. Natürlich hatte ich auch irgendwie eine positive Antwort erwartet, weil es in meinen Augen das Paradies eines jeden Kindes sein muss. Ihre Antwort hatte mich ein wenig erschüttert: Unsere Eltern waren so beschäftigt damit das Dorf aufzubauen, das für uns kaum Zeit blieb. Als ich später einen der Begleiter auf seine Kinder ansprach, vermittelte er mir ein ähnliches Bild: Mit einem fast schon genervten Gesichtsausdruck antwortete er sarkastisch, dass seine Kinder, die er ja für das Dorf zu sehr vernachlässigt hatte, alle gerade woanders leben. Es mag an dem Alter liegen, denn die Kinder waren alle so in der Alterspanne von 16- 25 Jahre. Vielleicht ist es ja einfach Teil dieser Entwicklungsstation, dass es einen gewissen emotionalen Abstand braucht, um ein eigenständiger Mensch zu werden. Damit diese Gefühle irgendwie Sinn machen, werden dann rationale Gründe gesucht, warum man denn jetzt keine Lust mehr auf die Lebensweise der Eltern hat, oder eben, was die Eltern falsch gemacht haben. Trotzdem hat mich diese Antwort ein wenig erschüttert. Ich konnte es kaum fassen, dass diese Kinder nicht sehen konnten, wie viel Positives hier für die Gesellschaft entstanden ist. Und vor allem welches Privileg es ist, auf eine Schule für freie Entfaltung gehen zu können. Je mehr ich mich gefragt habe, woher diese Unzufriedenheit kommt, desto mehr ist mir aufgefallen, dass viele Menschen hier auch so getrieben auf mich wirkten. So getrieben vom ständigen Tun, ohne sehen zu können, was sie schon alles haben. Natürlich muss ich an dieser Stelle ganz klar sagen, dass ein Wochenende nicht ausreicht, um ein klares Bild über den Zustand eines ganzen Dorfes zu bekommen. Trotzdem hatte mich das Gefühl nicht losgelassen, dass diesem Dorf etwas Wesentliches fehlt. Es war nichts Materielles, was diesem Dorf in meinen Augen gefehlt hat: Es war eine innere Zufriedenheit, die nur dort wachsen kann, wo der Boden mit Dankbarkeit und gegenseitiger Wertschätzung gedüngt wird. Hierin liegt die Ironie, ich schreibe davon, was

Was ist denn nun mein Traum?

Schon seit zwei Jahren habe ich mit ökologischen Dörfern geliebäugelt. Mein Interesse dafür, war auch sicherlich die Folge von einem Bedürfnis, das in der modernen Gesellschaft nie wirklich befriedigt werden konnte: Ein Bedürfnis nach tiefer Verbundenheit. Ich wollte ein Zusammenleben mit Menschen, die nicht aneinander vorbeileben, sondern durch das alltägliche Miteinander ein Gespür für die Bedürfnisse der anderen entwickeln. Freundschaften, in denen wir uns nicht nach einer Woche updaten müssen, über alles, was nun schon wieder im Leben passiert ist. Freundschaften, in denen wir uns im Alltag organisch über den Weg laufen. Freundschaften, in denen wir uns wirklich mit allen Facetten und in allen Situationen kennen, weil wir sie zusammen erlebt haben. Freundschaften, in denen wir uns noch im Alltag unterstützen können, wenn einer Hilfe braucht. Freundschaften, auf die wir uns eben noch verlassen können. Aber ich möchte mehr als eine Freundschaft. Ich möchte eine Gemeinschaft, in der wir uns nicht nicht nur in einer einzelnen Funktion als Diensleister, Konsument, Trainer, Freund oder Nachbar begegnen, sondern in der wir die ganze Bandbreite wahrnehmen können. Ich möchte dich kennen, nicht nur als Dienstleister, nicht nur als Konsument, nicht nur als Trainer, nicht nur als Freund, nicht nur als Nachbar, sondern als der Mensch, der du bist, wenn du keine eindeutige Rolle erfüllen musst, wenn du einfach sein darfst, wer du bist. Ich möchte es spüren: Diese tiefe Verbundenheit, die über alle Rollen hinausgeht, und eben nur entstehen kann, wenn unsere Beziehung auf mehreren Ebenen lebendig sein darf. In meiner aktuellen Lebenssituation hatte ich nicht den Eindruck, dass dieses Bedürfnis befriedigt hätte werden können. Ich hatte sogar das Gefühl, dass mein Wunsch nach Verbundenheit fast schon als Belastung wahrgenommen worden ist. Ich habe manchmal gespürt, dass sich andere Menschen zu bedrängt von mir gefühlt haben. Bedrängt in meiner Neugierde für ihre Bedürfnisse, für ihre Gefühle, für ihre Wünsche. Das hat mich gleichzeitig auch traurig gemacht, und nochmal irgendwie eine Form von Distanz geschafft, obwohl ich doch einfach nur aufrichtige Nähe wollte. In meiner Wahrnehmung schien es manchmal fast schon so, als wenn sich die Leute gar nicht mit ihren Gefühlen beschäftigen wollten. Als würden sie lieber genauso weiter machen, wie bisher, ohne hinterfragt zu werden, oder sich selbst hinterfragen zu müssen. Gleichzeitig kam in mir folgender Gedanke auf: Wenn ein Mensch Angst vor den eigenen Gefühlen hat, dann kann es ja nur ein Zeichen dafür sein, dass irgendwas im Leben nicht im Einklang ist. Hier hatte ich manchmal den Eindruck, dass viele ihre eigenen Bedürfnisse lieber übersehen haben, einfach nur um reinpassen zu können, und um dieses ganze gesellschaftliche Spiel aus Erwartungen, Identität und Zielen weiter mitspielen zu können, um eben kein Versager in Augen anderer sein zu müssen. Je mehr ich auch an meinen Bachelor denken muss, desto absurder finde ich auch, dass ich damals völlig meine eigenen Gefühle sabotiert habe: Statt mir einzugestehen, dass ich mich nicht konzentrieren kann, weil es mir sinnlos vorkommt, habe ich munter weiter Koffein zu mir genommen. Damit konnte ich nämlich sehr gut funktionieren und äußerst zuverlässig meine Gefühle übertönen. Seitdem habe ich beobachtet, dass ich mich eigentlich nur nach Koffein sehne, wenn ich mir meine eigenen Grenzen nicht eingestehen möchte. Vor allem wenn ich nicht bereit dazu bin eine Pause zu machen, weil ich lieber etwas aus dem Tag machen möchte. Mein Wunsch von einem ökologischen Dorf hatte auch damit zu tun, selbst nicht mehr dem gesellschaftlichen Leistungsdruck ausgesetzt sein zu müssen. Ich fand den Gedanken toll, ein paar Stunden am Tag einer Tätigkeit für das Dorf nachzugehen, während ich den Rest der Zeit einfach sein, einfach tun darf, wonach ich mich fühle ohne Bewertungsmaßstäbe von außen. Zufällig hatte mir eine Freundin dann von dem Zukunftsjahr im Ökodorf Schloss Tempelhof erzählt: Ein Orientierungsjahr für Menschen unter 26 Jahren. Nach einer kurzen Recherche hatte ich mich angemeldet für ein Kennenlernwochenende, das kurzer später auch schon losging.

angekommen in der realität

Die ersten Tage war ich immer noch wie beflügelt. Ich wollte unbedingt genau die gleiche Routine einhalten, wie im Kloster. Jede Mahlzeit hat sich immer noch wie das größte Geschenk angefühlt. Ein Geschenk von den Reichtümern dieser Erde und dieser Natur. Ein Geschenk, für das es sich lohnt sich Zeit zu nehmen, um es in vollen Zügen zu genießen. Wertschätzen und Genießen, zwei Fähigkeiten, die mir definitiv noch nie so nahegelegt worden sind, wie im Kloster. Mein Kopf war doch stets darauf konditioniert, das zu sehen, was noch nicht da ist, um sich stetig verbessern zu können und vor allem, um dem Glück weiter hinterherzujagen. Eine Jagd, bei der ich nie tiefe Zufriedenheit spüren konnte, auch nicht in den Momenten, in denen ich doch eigentlich alles erreicht hatte, was ich mir vornahm. Eine Jagd, die nie darauf ausgerichtet war, tiefe Zufriedenheit auszulösen, sondern eine Jagd, die darauf ausgerichtet war, die innere Leere zumindest kurzfristig durch das Erreichen von Zielen füllen zu können. Eine Jagd, die sich je älter ich wurde, immer bedeutungsloser und leerer angefühlt hatte. Nun hatte ich aber endlich gelernt und selbst erfahren, wie sich Zufriedenheit anfühlt. Es ist ein Zustand, in dem es mir an gar nichts fehlt. Weder trauere ich der Vergangenheit hinterher, noch blicke ich eifrig der Zukunft entgegen. Ich hatte eine innere Ruhe gefunden. Diese innere Ruhe spüre ich normalerweise nur, wenn ich zum Teil etwas Größerem werden. Wenn ich meine eigene Existenz gar nicht mehr spüre, weil sie so mit allem um mich herum verbunden ist. Wenn sich alles auflöst, was ich vorher für mich gehalten habe und sich alles um diesen einen Moment dreht. Dieser Moment war lange Zeit Fußball für mich und aktuell ist dieser Moment Straßenmusik. Jedes Mal, wenn mein Geist abschweift, verspiele ich mich. Also folgen automatisch immer längere Episoden dieser vollen Hingabe für die Tätigkeit. In dieser vollen Hingabe kann ich manchmal gar nicht mehr unterscheiden, ob ich es bin, die, die Gitarre spielt, oder ob das gerade einfach alles passiert, ohne dass irgendein Denken beansprucht wird, ohne dass irgendeine Steuerung geschehen müsste. Denn sobald ein Gedanke hochkommt, bin ich nicht mehr in der vollen Hingabe. Sobald ein Gedanke hochkommt, bemerke ich wieder, dass es mich doch noch gibt. Aber in meinen Lieblingsmomenten ist alles fließend, verschwommen, grenzenlos, und jegliches Bewusstsein löst sich auf. Es gibt dann eben nur noch diesen einen Moment. Im Kloster hat sich die innere Ruhe anders ausgedrückt. Es war fast wie ein Dauerzustand, von dem ich kaum abzubringen war und das ganz ohne Fußball, ganz ohne Musik. Es war wie ein sich ständiges dran Erinnern, Teil von Allem zu sein, und jegliche Vergangenheits- oder Zukunftsgedanken haben sich für mich total unsinnig angefühlt. Eben wie ein Konzept meines Egos, das kein anderes Ziel hat, als mich aus meiner inneren Ruhe zu bringen. Diese innere Zufriedenheit und diese pure Freude über das Wunder dieser Welt, konnte ich auch noch Tage danach aufrechterhalten. Leider ist die Stimmung dann irgendwann wieder gekippt. Ich hatte das Gefühl schon wieder alleine zu sein. Alleine mit dem, was ich erfahren hatte, was ich erlebt hatte, und was ich doch so gerne mit den Menschen in meinem Umfeld teilen würde. Ich wollte es nicht nur teilen, ich wollte, dass sie genau die gleiche Begeisterung und Freude empfinden können, wie ich. Wenn ich gefragt worden bin, wie die Zeit im Kloster war, hatte ich genau einen Satz, der nicht zutreffender hätte sein können: Es war besser als jeder MDMA Trip dieser Welt. Es war für mich so absurd, dass die Realität ohne jeglichen Konsum, wirklich intensiver, und schöner sein konnte, als eine Droge, die doch darauf ausgelegt war, maximale Freude und Intensität auszulösen. Im Leben hätte ich das wahrscheinlich selbst niemals glauben können, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte. Umso trauriger hat es sich für mich angefühlt, als ich bemerkt hatte, dass keine Erzählung dieser Welt, meiner Erfahrung gerecht werden konnte. Was für mich aber mit Abstand das Allerschwerste war, war die Reaktion meiner Familie. Die Reaktion einer Familie, die Angst hatte ihre Enkelin, ihre Schwester, ihre Tochter an das Kloster zu verlieren. Statt teilender Begeisterung musste ich also in weinende Gesichter blicken und für mich brach in diesem Moment meine Welt zusammen. Ich konnte und ich glaube ich wollte auch einfach nicht verstehen, wie in aller Welt sie sich nicht für mich mitfreuen konnten. Wie konnten sie sich nicht für mich mitfreuen, wenn ich doch das größte Glück meines Lebens erfahren durfte. So schockierend, wie es auch für mich war, umso wichtiger war eben auch diese harte Realisierung: Diese harte Realisierung, dass meine Entscheidungen für ein aus meiner Sicht zufriedenes Leben, meine Liebsten Menschen so sehr verletzen könnten. Gleichzeitig wusste ich aber auch für mich, dass ich nicht so weiterleben kann, wie ich es die letzten Jahre getan hatte. Die letzten Jahre, in denen ich von Jahr zu Jahr immer weniger Hoffnung hatte, immer weniger Begeisterung gespürt hatte, und mich wohlmöglich immer mehr in der Anpassung verloren hatte. Ich wusste, dass ich meine wahren Wünsche nicht länger verleugnen konnte, wenn ich ein zufriedenes Leben führen möchte. Ich wusste, dass ich bereit sein muss meine Familie zu verletzen und zu enttäuschen, um meine wirklichen Träume für mein Leben verfolgen zu können.

Nachwirken vom Kloster 

Auf der hintersten Fünferreihe im Flixbus ging es also mit 3 Kindern neben mir und einer Mutter zurück nach Osnabrück. Anfangs hatte ich einen inneren Widerstand gegen die Situation und dachte nur, oh je das kann ja spaßig werden. Dann habe ich aber meine Haltung geändert, mich auf das Kind neben mir eingelassen, und versucht in Kontakt zu treten. Zwei Stunden lang habe ich den kleinen Jungen dabei beobachtet, wie er mit dem Stift versucht hat, etwas in mein Buch zu zeichnen. Währenddessen habe ich eine unfassbare Freude darin gefunden, einfach nur für ihn da zu sein und ihm meine Aufmerksamkeit zu schenken. Es war absurd, wie viel Fokus und auch Geduld ich durch die Meditationen im Kloster bekommen hatte. Gleichzeitig konnte ich so viel Positives in der Situation sehen: Da war eine Mama mit ihren drei Kindern, und ich durfte ihr helfen und sie unterstützen, in dem ich ihrem Sohn meine volle Aufmerksamkeit schenke. Als ich ihn beobachtete, hatte ich das Gefühl, dass er selbst ganz verwirrt war, dass ich so lange einfach nur zugeguckt habe, ohne einzugreifen, einfach nur da zu sitzen, um den Jungen in seinem Prozess des Entdeckens zu begleiten, ohne ihn zu unterbrechen. Trotz das wir nicht die gleiche Sprache gesprochen haben, war es eben möglich eine Verbindung aufzubauen und sie wertzuschätzen, selbst wenn es nur für diese Busfahrt sein sollte.

Emotionen, die ich längst vergessen hatte

Ohne, dass ich es erwartet hatte, kam schon auf der Reise zum Kloster Neugierde und Enthusiasmus in mir hoch. Wahrscheinlich hatte ich auch wieder ein Stück weit Hoffnung. Ich wusste zwar nicht warum, aber irgendwas in mir hat sich gefreut, zumindest etwas Neues zu erfahren, statt nur davon zu lesen. Anders als ich es von einem Kloster erwartet hatte, waren draußen Schaukeln, ein Volleyballnetz und auch Fußballtore aufgebaut. Die Mönche und Schwestern haben so viel Spaß gehabt, und täglich so viel gelacht, dass es schon fast zu befreit schien, um wahr sein zu können. Ich dachte beinahe, dass es unnatürlich sei, weil es mir so fremd war. Es war mir fremd, so zufriedene, ausgeglichene, dankbare, freundliche, und zuvorkommende Menschen zu sehen, dass ich es zuerst für gestellt, bizarr und komisch hielt. Es war mir fremd all diese positiven Emotionen zu sehen, ohne jegliche Form von Konsum. Es war kein Joint nötig, es war kein Film nötig, es war kein Alkohol nötig: Allein aus der reinen Präsenz, Vulnerabilität und Offenheit konnte so viel Freude entstehen. Normalerweise bin ich absolut kein Morgenmensch, aber um 5.30 Uhr hieß es aufstehen für die erste 30-minütige Meditation und danach Frühstück in Stille. Danach wurde erstmal im Kreis zusammen gesungen: das war so unfassbar schön, verbindend, und so ein befreiendes Gefühl, obwohl der Tag ja noch gar nicht richtig gestartet hatte. Nach dem Frühstück kam dann eine Arbeitsmeditation, in der wir uns rein auf die Tätigkeit, Kochen, Putzen usw. konzentrieren sollten. Dann stand einer meiner Lieblingsmomente an: der Dharma Talk mit dem Thema Cultivating Inner Peace. Es hat nicht lange gedauert, bis ich komplett in Tränen ausgebrochen bin. Ich habe generell noch nie so viel geweint und gelacht in meinem Leben, wie an diesen Tagen. Ich hatte das Gefühl, dass ich endlich einfach mal alles zeigen kann, was da ist. Das ich endlich mal loslassen kann von dieser täglichen Abgestumpftheit allen Leids gegenüber, nur damit ich funktionieren kann. Nur damit ich nicht in all dem Mitgefühl ertrinke, dass ich empfinde, wenn ich das Leid anderer Menschen spüre. Hier war genau ein Gedanke für mich anders, der diesen Unterschied erlaubt hatte: Hier waren die Menschen freiwillig, um sich mit ihrem Inneren auseinanderzusetzen. Hier waren die Menschen, um ein Zuhause in sich zu finden, um einen Frieden in sich zu finden. Dieser Gedanke hat bei mir so eine tiefe Befreitheit ausgelöst. Es war dieses Gefühl von endlich muss ich mich mal gedanklich nicht mit dem Leid eines anderen Menschen beschäftigen. Endlich darf ich einfach mal loslassen, und mich freuen über das Glück, das ich empfinde. Endlich hatte ich das Gefühl, in einer Gemeinschaft zu sein, die die Finger nicht auf andere richtet, sondern erstmal bei sich selbst anfängt. In dem Dharma Talk ist ein Satz gefallen, der mich zutiefst getroffen hat: I allow myself to be joyful. In der Vergangenheit habe ich wirklich gerne sehr viel zu viel Alkohol getrunken, damit ich nicht mehr denken muss, damit ich einfach Spaß haben kann. Dadurch war für mich Freude stark daran gekoppelt, alkoholisiert sein zu müssen, weil ich sonst keinen Zugang mehr dazu gefunden hatte. In meinem Alltag war ich meistens nicht befreit genug, um diese totale Freude zulassen zu können. Ich habe sogar angefangen zu glauben, dass ich nicht gut darin bin, einfach nur zu Sein, dass ich nicht einfach nur Spaß haben kann, dass ich nur Spaß im Pursuit finden kann. Ich habe mir die Freude nicht erlaubt, Spaßiges hat mein Kopf oft direkt, als etwas unnützes bewertet. Ich hatte mir selbst eine Schranke gebaut, um Glück empfinden zu können. Gleichzeitig ist mir aufgefallen, dass ich mich kaum getraut hatte Freude zu zulassen, weil ich so eine tiefe Scham empfunden hatte, wenn ich andere Menschen gesehen habe, denen es gerade nicht so gut geht. Ich habe mich geschämt eine gute Zeit zu haben, während andere Menschen in meinem Umfeld so kaputt an ihrer Arbeit gehen, während ich mir ein schönes Leben mache. Gleichzeitig konnte ich mich gefühlstechnisch gar nicht abgrenzen, und nach wie vor habe ich eine schwere Beziehung zu dem Begriff. Rein evolutionstechnisch macht es ja total viel Sinn, dass ich mitfühle, damit ich eben dazu ermutigt werde meinem Gegenüber zu helfen. Nun verstehe ich, dass es heutzutage notwendig geworden ist Empathie zu regulieren, damit ich nicht in ihr ertrinke. Aber ich habe den Eindruck, dass es auch auf Kosten meiner Freude geschieht. Wenn ich meine Empathie für das Leid reguliere, werde ich mich auch für die Freude meines Gegenübers weniger mitreißen lassen können. Ein Spannungsfeld, das mich innerlich zerreißt: egal ob im Supermarkt, in der Uni, oder auf dem Weg nach Hause, überall müssen wir uns regulieren. Und genau das ist es, was mich da draußen so oft fertig macht: Das wir eine Welt konstruiert haben, in der ich nur noch funktionieren kann, wenn ich möglichst wenig fühle. In der ich mich nicht mehr auf meine Sinne verlassen kann. In der ich sogar belohnt werde, wenn meine Sinne abstumpfen. In der ich Zugang zu dem verliere, was mich zum Menschen macht: meine Gefühle. Und bei all diesen Begriffen rund ums Regulieren, das notwendig geworden ist, um funktionieren zu können, wundert es mich gar nicht mehr, dass es mir so schwer fällt Vertrauen in meine Gefühle zu haben. In dem Kloster bin ich dafür umso stärker wieder in Kontakt zu meinen Gefühlen getreten. Ich habe wieder ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist fühlen zu dürfen. Es hat sich angefühlt, als hätten sie nur darauf gewartet, endlich frei gelassen zu werden. Überraschenderweise habe ich am dritten Tag Wut gespürt. Ich war wütend, dass diese Menschen hier so ein zufriedenes Leben geführt haben. Ein Leben, das so auf gemeinsame Freude, Empathie und Dankbarkeit ausgerichtet war, während andere Menschen da draußen so sehr Leiden. Es hat mich wütend gemacht, dass so viele Menschen gar nicht wissen, dass dieses Glück möglich ist. Und wahrscheinlich hat es mich persönlich auch tief getroffen, weil ich eigentlich gar nicht mehr daran geglaubt hatte, dass das Leben eben auch so schön sein kann.

fehler über fehler

Als ich vor zwei Jahren angefangen habe zu meditieren, habe ich es vor allem getan, um besser in der Gesellschaft funktionieren zu können. Nicht nur um besser funktionieren zu können, sondern auch um mich besser anpassen zu können. Es hat mir zwar keine Freude gemacht, aber ich konnte mich tatsächlich besser auf die Sachen konzentrieren, die in den Augen der Gesellschaft wichtig sind. Gleichzeitig ging es mir mental aber sehr schlecht, und die ganzen psychologischen Ratgeber im Internet konnten mir auch nicht mehr weiterhelfen. Ich konnte nicht verstehen, wie es möglich ist, dass ich mich gesund ernähre, regelmäßig Sport mache, täglich meditiere, kein Social Media nutze, und mich trotzdem innerlich noch so leer und unzufrieden fühle. Ab dem Zeitpunkt ist mir klar geworden, dass mir weder ein Buch noch ein einzelner Mensch Antworten auf meine Fragen geben kann. Um meine Fragen zu beantworten, musste ich genau das machen, was mir weder in der Schule noch in der Uni beigebracht worden ist: Eigene Schritte gehen, Gefühle wahrnehmen, nach der Intuition Entscheidungen treffen, und auch bereit sein Fehler zu machen. Fehler zu machen, die in der Schule mit einem Minus bewertet worden sind. Fehler zu machen, die ich doch immer möglichst vermeiden wollte, um mit einem Plus bewertet zu werden. Fehler zu machen, damit ich anfange zu handeln, ohne dass ich alle Informationen habe. Fehler zu machen, damit ich endlich Antworten auf meine eigenen Fragen finde. Fehler zu machen, damit ich vielleicht eines Tages verstehe, warum ich eigentlich hier bin. Mit meinen vielen Sinnesfragen war ich längst bei der Überforderung angekommen. Ich habe so viel infrage gestellt, dass ich selbst gar nicht mehr wusste, woran ich überhaupt noch glauben möchte. Aber eins war mir klar: Ich wollte nicht einfach die ganzen gesellschaftlichen Regeln übernehmen. Ich wollte mich nicht einfach anpassen, und diesen ganzen unausgesprochenen Verhaltensregeln folgen. Ich wollte verstehen, woher diese ganzen gesellschaftlichen Regeln kommen, und vor allem, welche von Ihnen ich für mich annehmen möchte, weil ich sie sinnvoll finde. Mir war auch bewusst geworden, dass ich als Gegenpol zu unserer individualistischen westlichen Gesellschaft, auch unbedingt nochmal den Buddhismus kennenlernen wollte. Von einer Freundin wurde mir dann ein Kloster ans Herz gelegt mit den Worten: „So würde eine Gesellschaft im Idealzustand funktionieren.“ In mir hat sich eine riesengroße Begeisterung aufgetan, gleichzeitig aber auch eine gewisse Skepsis, ob es denn so etwas wie einen Idealzustand wirklich gibt. Trotzdem wollte ich definitiv diesen Ort selbst kennenlernen. Also entschloss ich mich für ein paar Tage in das Plum Village Kloster zu fahren, in dem Engagierter Buddhismus von Thich Nhat Hanh gelehrt wird. Ich bin also zu einem Wake Up Retreat für junge Menschen gereist und habe somit eine Entscheidung getroffen, die meine Sicht, mein Leben, ja wirklich alles verändert hat.

Erinnerung an inspiration

Während mich die Wut anfangs noch komplett paralysiert hatte, habe ich mehr und mehr beobachtet, wie ich jetzt endlich wieder handeln wollte. Ich hatte es satt jeden Tag diese gleichen vier Wände zu sehen. Jeden Tag ängstlich und wütend aufzuwachen. Jeden Tag zu meditieren ohne zu wissen, wofür ich überhaupt noch aufstehe. Ich hatte nichts vor mir, dass mir irgendwie Freude bereitet hätte. Alles in meinem direkten Umfeld hat mich nur an die Sachen erinnert, die ich für mein Leben auf gar keinen Fall wollte: Ein klar strukturiertes, geplantes Leben, Deadlines für Hausarbeiten, Vorlesungen, in denen ich fast einschlafe, und vor allem ein Lernen ohne selbst Entdecker sein zu dürfen. Ein Lernen, bei dem in richtig und falsch eingeteilt wird. Ein Lernen mit klarer Anleitung, wie die Dinge zu sehen sind. Ein Lernen, das vor allem aber auch die Funktion erfüllt, eine gute Note zu schreiben und letztlich mit künstlichem Interesse geschieht. Es gab einen Ort, an der Uni, der mich immer besonders wütend gemacht hat und ich konnte nie verstehen warum. Es war die Bibliothek. Es war die Bibliothek, in der tagtäglich hunderte von jungen Menschen mit leerem Blick und gekrümmter Haltung rein und rausmarschierten. Hunderte von jungen Menschen, die in Büchern lesen und durch die Erfahrungen anderer Menschen lernen, statt es selbst zu wagen ihre eigenen Erfahrungen zu machen. Hunderte von Menschen, die Scheinen, Titeln und Qualifikationen hinterherjagen. Hunderte von Menschen, die eine Veränderung in unserer Gesellschaft bewirken könnten, wenn sie dieses Spiel nicht länger mitspielen würden. Zugegebenermaßen hat mich aber besonders ein Punkt daran wütend gemacht: und zwar das auch ich in dieser Bibliothek saß, obwohl es nicht das war, was ich wollte. Obwohl ich doch viel lieber unter den Entdeckern als unter den Gelehrten sein wollte. Also habe ich in all den anderen Studenten meine eigene Unzufriedenheit gesehen. Seit meiner Jugend haben mich schon immer Menschen fasziniert, die ihren eigenen Weg gehen, abseits der Norm, abseits all dieser Stimmen, die einem eintrichtern, dass das eigene Vorhaben unmöglich ist. Eben diese Menschen, die noch eigene Träume haben, für die es sich zu leben lohnt. Eben diese Menschen, deren Leben in einem größeren Kontext sinnstiftend statt sinnsuchend ist. Eben diese Menschen, die volle Verantwortung für ihren Lebensweg übernehmen und alle Kosten in Kauf nehmen, um selbst Gestalter ihres eigenen Lebens zu sein. Eben diese Menschen, die ihr Leben lieber selbst in die Hand nehmen, statt sich darüber zu beschweren, wie die Dinge eben nun mal sind. Eben diese Menschen, die mich durch ihren eigenen Weg, daran erinnert haben, was ich eigentlich möchte. Eben diese Menschen, die mich nicht belehren wollten, was ich tun sollte, sondern diese Menschen, die mich durch ihren eigenen Weg so sehr inspiriert haben, wie keine Lehre der Welt es hätte tun können. Es war nämlich eine Form der Inspiration, die an die Substanz ging, die schon etwas fast Vergessenes in meinem tiefsten Inneren berührt hatte. Eine Inspiration, die mich an all die Möglichkeiten in der Welt erinnerte. Eine Inspiration, die mich auch daran erinnert hat, dass ich ich selbst sein darf, dass ich für mich und meine Wünsche einstehen darf und, dass es sogar erwünscht ist, dass ich sie verfolge. Also war mir klar, dass ich meinen eigenen Weg gehen möchte. Ich wollte fast schon Weg finden schreiben, aber ich bin mir sicher, dass der eigene Weg kein Finden ist, sondern ein mutiges Voranschreiten trotz all der Zweifel. Ein mutiges Voranschreiten, das manchmal pure Zerrissenheit und manchmal pures Glück bedeutet, das vor allem aber endlich wieder eins ist: Ein Erleben, das sich lebendig anfühlt. Ein Leben, das weder auf Kontrolle noch auf Komfort aus ist, sondern ein Leben, dessen Höhen und Tiefen ich in vollen Zügen kennenlernen möchte. Eben ein Leben, für das ich mich entschieden habe.