Trauer, Wut, und Revolution
Während ich besonders in dem letzten Jahr einen unheimlich großen emotionalen Prozess durchlaufen bin, haben meine Eltern immer nur von den Resultaten gehört. Meine Gefühle habe ich aber nie sonderlich mit ihnen geteilt. Wenn ich ganz ehrlich bin, wussten Sie all die Jahre gar nicht so wirklich, was in meinem Inneren abgeht. Ich merke, wie mir gerade beim Schreiben die Tränen kommen. Es tut mir irgendwie Leid, dass ich all die Jahre für mich behalten habe, welche Gefühle ich mit mir rumtrage. Es tut mir sowohl für mich Leid als auch für meine Familie. Irgendwie dachte ich mir aber auch nicht so viel dabei, als ich mit 16 Jahren nicht mehr gerne morgens aufgewacht bin. Ich hatte nicht mehr diese Freude auf den Tag. Ich wollte am liebsten gar nicht aufstehen, weil ich mich schon so erschlagen gefühlt hatte, bevor der Tag überhaupt begonnen hatte. Jeder Morgen hat sich wie ein gewaltiger Berg angefühlt, den ich hochsteigen musste, um zu überleben. Meine Tage waren begleitet von ständiger Müdigkeit, die sich keiner erklären konnte, Abgeschlagenheit und einem Satz, den alle meine Freunde besonders in den letzten zwei Jahren leider viel zu oft von mir hören mussten: Ich kann nicht mehr. Worte die ich lange Zeit nicht richtig einordnen konnte. Worte, von denen ich mir lange gar nicht bewusst war, dass ich sie so oft ausspreche. Durch meine Gefühle und meinen Gemütszustand war ich all die Jahre felsenfest überzeugt davon, dass irgendetwas mit mir falsch sein muss. Ich war so überzeugt davon, dass ich mir alle möglichen Diagnosen selbst unterstellt habe. Ein verzweifelter Versuch endlich Antworten auf mein Leiden zu finden. Endlich zu verstehen, warum ich mich so fühle, während andere scheinbar so gut in dieser Gesellschaft funktionieren können. Je mehr ich mich nach der Gesellschaft orientiert habe, desto schlechter ging es mir. Je mehr ich versucht habe reinzupassen, desto mehr war die Konsequenz Gefühle wegdrücken zu müssen. Selbst das Essen war in diesen Zeiten kein Genuss mehr für mich, sondern ein Mittel, um meinen eigenen Gefühlen zu entkommen. Wahrheiten, die ich meiner Familie nie mitteilen konnte. Ich hatte Scham und Schuldgefühle. Ich hatte den Eindruck, dass ich Leuten angefangen hatte etwas vorzuspielen. Eine gute Laune vorzutäuschen, die eigentlich nicht da war. Eine gute Laune, von der ich wusste, dass sich viele meiner Mitmenschen nach dem Gespräch mit mir besser fühlen würden. Eine gute Laune, die mich noch schlechter fühlen lassen hat als vorher. Noch schlechter, weil ich schon wieder alles dafür getan hatte, dass sich alle in meiner Gegenwart möglichst wohl fühlen, während ich die war, deren Inneres so sehr nach Hilfe geschrien hat. Ich war zutiefst deprimiert. Ich habe mich unverstanden gefühlt. Ich hatte den Eindruck, dass mir kaum einer richtig zuhört. Kaum einer wirklich Zeit hat. Kaum einer Prioritäten auf andere Menschen legt, sondern lieber auf anerkennende Bereiche, wie das Studium. Vor allem aber war ich die Person, die sich vieles selbst angetan hat. Ich habe mich nach Menschen gesehnt, die sich Raum für meine Gefühle nehmen. Aber letztlich habe ich mir vor anderen keinen Raum für meine negativen Gefühle eingestanden. Ich habe vor anderen nicht akzeptiert, dass es mir nicht gut geht. Ich habe festgehalten an dieser Idee von mir, die zu sein, der es immer gut geht. Ich hatte immer noch festgehalten an dieser Identität, obwohl es so viel Leid in mir geschaffen hat. Ich habe nicht akzeptiert, dass ich Hilfe brauche, dass es mir nicht gut geht. Wahrscheinlich musste mein Leidensdruck genau so groß werden, wie er war, damit ich in der Lage bin eine Veränderung zu schaffen. Vielleicht ist es genau das, was das Leben mit seinen Veränderungen ausmacht: Vor jeder Veränderung muss sich jahrelang etwas anbahnen, ein Leid entstehen, das der Mensch irgendwann nicht mehr vor sich leugnen kann. Um eine Veränderung schaffen zu können, müssen die Kosten für die alte Identität eben so hoch werden, dass der Mensch keine andere Wahl mehr hat, als loszulassen. In dem Moment der Akzeptanz sich selbst gegenüber, geschieht dann alles Interessante. Die Akzeptanz für das Loslösen von der alten Identität schafft Raum für eine Veränderung, die vorher nicht möglich war. Das Loslassen schafft also Raum für ein Neues Ich, und der Leidensdruck, war die notwendige Kraft, um diesen Prozess überhaupt zu ermöglichen: Ohne Leiden würde es also nie in irgendeiner Form Veränderung geben. Sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene muss der Leidensdruck groß genug werden, um irgendeine Form der Veränderung zu bewirken. Während sich der Prozess im Individuum, an dem Festhalten an der eigenen Identität zeigt, ist es auf gesellschaftlicher Ebene erst ein Wandel, wenn genug Individuen erkennen, wie viel ihres Leids durch unsere Konditionierung aus dem System entsteht, in das wir reingeboren sind. Die Menschen müssen sich bewusst werden, wie viel Leid durch unser soziales System sogar noch belohnt wird. Es wird belohnt, wenn du funktionierst, dich mit Leistungen identifizierst, deine Bedürfnisse unterdrückst, und deine innere Wahrheit vor dir selbst verleugnest. Nein, deine Disziplin ist kein Zeichen innerer Stärke. Es ist ein Zeichen innerer Schwäche. Es ist das Zeichen eines Menschen, der weiterhin bereit ist, seine Gefühle zu unterdrücken, um gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen. Disziplin sollte nie gegen dich gerichtet sein, sondern für dich und deine Integrität sprechen. Reife Disziplin zeigt sich eben darin, konsequent ehrlich mit dir zu sein, und die eigene Heilung nicht aufzuschieben. Das ist eben der feine, aber entscheidende Unterschied zwischen Selbstdisziplin und Systemdisziplin. Aber jegliche gesellschaftliche Veränderung kann erst geschehen, wenn sich genug Menschen im Inneren verändert haben. Wenn genug Individuen ihre Werte und Prioritäten verlagern, erst dann wird sich auch das kollektive System verändern. Erst dann werden Menschen in anderen Bereichen nach Anerkennung suchen, und auf einmal vielleicht lieber ein guter Freund für jemanden sein wollen, als der beste Sänger der Welt. Erst dann werden Menschen, die sich nach nichts mehr sehnen als nach Anerkennung von der Gesellschaft nicht mehr über einen Großteil der Menschheit bestimmen: Ihre Macht kann eben nur so lange über uns existieren, wie wir weiterhin der Suche nach Status und Anerkennung folgen. Ihre