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Paris: Station der Geborgenheit

Ich war so erleichtert, als ich bei meiner Freundin angekommen bin. Ich habe mich so richtig aufgefangen gefühlt. Sie ist einer der Personen, die so ein Wohlwollen für andere Menschen hat und so eine tiefe Empathie, wie ich sie selten sehe. Hobbymäßig könnten wir wohl kaum verschiedener sein, und trotzdem hält unsere Freundschaft so gut, weil wir Werte teilen, die alles andere zweitrangig machen. Unsere Freundschaft hat keinen anderen Nutzen als den, dass wir uns dazu entscheiden, füreinander dazu sein. Nach dem dreitägigen Paris Aufenthalt war ich dann nochmal für drei Tage in Madrid bei meiner Schwester. Die Tage sind alle echt schnell vergangen. Es waren insgesamt auch schöne Tage, aber trotzdem wusste ich, dass es nicht die Lebensrealität ist, die mich zufrieden macht. Es waren schöne Tage, die sich aber gleichzeitig auch ein wenig leer für mich persönlich angefühlt haben. Schön, weil es ein gemeinsames Zeit verbringen mit Menschen war, die ich liebe. Leer, weil sie nicht verbunden waren mit dem, was ich als meine Lebensaufgabe sehe. Von Madrid ging es also zehn Tage nach Bilbao zu meiner alten Bekannten und dann war ich auch schon auf Teneriffa angekommen.

Paris: Station des Reichtums

In Paris habe ich ein Mädchen besucht, dass ich im buddhistischen Kloster kennengelernt habe. Damals hatte ich ein totales Interesse an ihr als Person verspürt. Sie hatte damals eine totale Wärme auf mich ausgestrahlt. Ich war sehr gespannt auf unser Wiedersehen. Gewohnt hatte sie in einer Wohnung von ihren Eltern, die im Kern von Paris direkt neben dem Louvre war. Eine Gegend, in der das Wohnen so teuer ist, dass es für den Großteil der Menschen unbezahlbar ist. Von ihrem Wohlstand hatte ich anfangs allerdings gar keine Ahnung. Ich habe es erst gecheckt, als ich in der Wohnung angekommen bin und sie mir ein bisschen von der ganzen Situation geschildert hatte. Sie hat mir erzählt, dass sie sich lange Zeit schuldig gefühlt hat. Viele Jahre hat sie auch diese Stimme verfolgt, dass sie es eigentlich gar nicht verdient hat. Mittlerweile empfindet sie aber Dankbarkeit für ihre Privilegien. Für mich war es irgendwie emotional auch eine total aufwühlende Situation. Zu dieser Zeit hatte ich nämlich selbst noch totale Schamgefühle gegenüber meinen Privilegien. Dieses Gefühl war sicherlich auch ein Grund, warum ich endlich raus wollte, warum ich nicht länger einfach nur mein Privileg ausleben wollte. Ich wollte verstehen, wie es ist kein Zugang mehr zu diesem Privileg zu haben. Gleichzeitig hatte ich aber noch nicht den nötigen Mut, um finanziell unabhängig von meinen Eltern zu sein. Und dann war da meine Freundin aus dem Kloster, dreimal die Woche hatte sie für das Atelier ihrer Mutter gearbeitet und ansonsten hatte sie Freizeit, in der sie oft Kurse genommen hat, um ihrer Leidenschaft dem Theaterspielen nachzugehen. Nach ihren Aussagen würde sie am liebsten irgendwann mal eine eigene Theaterschule aufmachen und mit ihrem Fahrrad rumreisen. Ich habe mich gefragt, was sie denn noch davon abhält und es erschien mir fast so als wäre es der Wohlstand ihrer Familie. Ein Wohlstand, der alle Möglichkeiten der Welt bietet. Ein Wohlstand, der fast keine Grenzen hat. Ein Wohlstand, der maximale Freiheit bietet. Ein Wohlstand, der sich aber auch unfrei anfühlen kann, wenn jegliche externe Notwendigkeit fehlt, handeln zu müssen. Es kann eben auch Wohlstand sein, der uns in unseren Ängsten gefangen hält, da die externe Notwendigkeit etwas zu verändern schlichtweg nicht da ist. Es ist dann zwar nicht der Wohlstand der unfrei macht, aber er kann sehr wohl dazu dienen Konfrontationen zu vermeiden. Also bedeutet Wohlstand nur dann auch Freiheit, wenn die Menschen bereit dazu sind, Verpflichtungen zu wählen. Wenn der Sommer nur Sinn hat, weil es den Winter gibt. Dann existiert Freiheit nur da, wo es auch Verpflichtungen gibt. Und obwohl sie ihrer Mutter bei ihrer Arbeit geholfen hat und auch selbst getöpfert hat, erschien mir ihr Leben wie ein endloser Sommer: reizlos und richtungslos. In diesen Tagen habe ich auch gemerkt, wie ich mich insgesamt mit der ganzen Situation unwohl gefühlt hatte. Ich habe mich irgendwie nicht aufrichtig für sie interessiert, wodurch ich Schuldgefühle hatte, weil ich bei ihr ja untergekommen bin. Gleichzeitig habe ich auch gemerkt, wie mich dieses komfortable sichere Leben einfach wütend gemacht hat. Wütend, weil es nicht das ist, was ich für mein Leben wollte. Ich hatte gemerkt, dass ich doch nicht so lange bleiben konnte, wie anfangs gedacht. Also bin ich weiter zu einer meiner besten Freundinnen aus der Erasmus Zeit.

Nancy: Station der Solitude

Von meiner Freundin aus Osna kannte ich genau eine einzige Person in Nancy vom Sehen. Also hatte ich mich schon vorab darauf eingestellt, die meiste Zeit alleine zu verbringen, um einfach mal wieder zu mir zu kommen. Angekommen in Nancy habe ich mich dann aber erstmal nach 4 stündiger Fahrt direkt auf die Straße gestellt. Es war bisher einer meiner Lieblingsmomente auf meiner Reise: Die Sonne war am Scheinen, die Menschen waren gut gelaunt, und in genau der Stunde, in der ich Straßenmusik machte, habe ich dann auch noch die einzige Person, die ich in Nancy kenne, zufällig getroffen. Es war so ein schöner Zufall, so eine schöne Überraschung, und genau diese Lebendigkeit, für die ich auf dieser Welt bin. Ansonsten habe ich in der Zeit in Nancy ganz intensiv an der Aufnahme von zwei Liedern gearbeitet, viel Yoga gemacht, meditiert, viel Zeit damit verbracht Spaziergänge zu den TooGoodToGo Tüten zu machen und endlich mal wieder mit Freunden telefoniert. Bei der einstündigen Straßenmusiksession hatte ich auch ein Mädchen kennengelernt, das aktuell AuPair in Nancy machte bei einer Familie mit zwei Chirurgen Eltern. Als sie mir von ihrer Erfahrung berichtete, kam ich nur ins Stutzen, ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. Ich konnte und wollte es auch nicht glauben, weil ich es so schlimm fand. Ich fand es so absurd: Diese Familie hat in einem Wohlstand gelebt, der ihren Kindern alles hätte ermöglichen können, aber die Eltern hatten nichts Besseres zu tun als ihren Kindern ihrer Kindheit zu berauben. Sie hatte mir erzählt, dass die Woche der Kinder perfekt von den Eltern durchgetaktet ist. Auf die Bedürfnisse der Kinder wird dabei aber keine Acht genommen. Auch wenn die Kinder fast schon einschlafen beim Lernen, wird das nicht als Signal zum Pause machen gewertet, sondern als Signal zur nötigen Zähmung. Sie müssen halt lernen sich durchzubeißen. Sie sollen gefälligst, das tun, was die Eltern Ihnen sagen. Sie sollen gefälligst, das tun, wofür sie am meisten Anerkennung in der Gesellschaft kriegen: Leistung erbringen. Falls nette Worte nicht mehr gegen die Bedürfnisse der Kinder ankommen, dann muss eben Gewalt her, um die Kinder für die Perfomance zu adressieren. Es waren also Kinder, die keine andere Funktion erfüllen sollten, als das Ego der Eltern zu erweitern. Als ich von dieser Geschichte hörte, war ich umso dankbarer für meine Kindheit: Eine Kindheit, in der ich ohne weiteren Nutzen Fußball, Gitarre, Lego, oder Playmobil spielen durfte. Zurück nach Nancy: Die einzige Person, die ich in Nancy kenne, hatte zur WG-Party eingeladen. Auf der Party war ein Mädchen, das zu hundert Prozent mein Typ ist. Trotzdem konnte ich gefühlstechnisch gar keine richtige Verbindung zu ihr aufbauen. Im Kopf war ich ich zu sehr damit beschäftigt war, dass ich meine Bekannte in zwei Wochen wiedersehen werde. Meine Bekannte, mit der ich diese schönen Erinnerungen der Intimität hatte. Bevor wir uns aber wiedersehen sollten, ging es weiter zu Freunden nach Paris.

dillingen: station transgenerationaler angst

Von vornherein wusste ich, dass die Tage bei meinen Großeltern nicht einfach sein werden. Gerade mein Opa ist keineswegs überzeugt von meiner Straßenmusikidee und versucht mich bei wirklich jeder Gelegenheit davon abzubringen. So sollte es auch wieder sein. Am vorletzten Tag durfte ich mir also wieder eine drei-stündige Predigt darüber anhören, warum es denn nun wirklich keine gute Idee sei. Nach diesen Tagen war ich innerlich so wütend. Ich war wütend, weil ich das Gefühl hatte, dass da nicht mal die kleinste Portion Vertrauen von meinem Opa kam. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass er mit jedem Mittel daran festhalten wollte mich umzustimmen. Als wäre ich nicht schon sowieso ein Mensch, der viel nachdenkt, grübelt und oft in Worst Case Scenarios denkt, bevor sie überhaupt eintreten, hat mein Opa mich dann auch noch auf Gefahren aufmerksam gemacht, über die ich bis dahin nicht mal nachgedacht hatte: Es könne ja durchaus vorkommen, dass ich bestohlen werde, wenn ich so viel Bargeld mit mir nach Hause trage. Nach dem Aufenthalt habe ich mich bewässert gefühlt, aber nicht mit Vertrauen und Wärme, sondern mit Ängsten und Geld. Es fällt mir wirklich schwer diese Zeilen zu schreiben, aber so hat es sich für mich angefühlt und es macht auch durchaus Sinn für mich. Es macht Sinn für mich, dass vor allem ängstlichere Menschen, einen Haufen Geld ansammeln müssen, um sich gegen jeden Fall absichern zu können. Um sich absichern zu können gegen all die Risiken dieser Welt, aber gleichzeitig auch gegen all die Wunder dieser Welt. Eine Absicherung ist letztendlich auch nur ein selbst entworfenes Schloss für Risiken. Wir verschließen uns also vor Risiken, und vergessen dabei, dass jedes Risiko auch seine Chancen birgt, die wir aber ebenso verschließen. Diese Dynamik der Absicherung ist glaube ich auch einer der Gründe, warum sich alles so sinnlos für mich anfühlt in einem komfortablen Leben. Es fühlt sich für mich wie ein Leben an, das all den Möglichkeiten gegenüber verschlossen ist. Genau dieses Empfinden habe ich auch häufig, wenn ich Menschen von meinen Plänen für mein Leben berichte. Ich empfinde es zunehmend als beengend, weil ich fast immer auf ablehnende, belächelnde Reaktion stoße. Es tut weh. Es ist eine innere Trauer, die mich durch mein Leben begleitet. Eine innere Trauer, weil ich nur selten Menschen treffe, die sich auch in der Welt der Möglichkeiten zu Hause fühlen. Dort fühle ich mich geborgen, dort fühle ich mich wohl, dort fühle ich mich lebendig: ich kann eben alles fühlen und alles zulassen, weil ich mich nicht vor Risiken schützen muss. Früher ist meine Trauer stärker gewesen als meine Wut, aber seit mich meine Wut gezwungen hat meinen Weg zu ändern, nehme ich sie stärker denn je war. Ich merke, dass ich oft Wut empfinde, wenn ich so scheinbar ganz normale aka gesellschaftlich akzeptierte Sachen tue. Alleine heute als ich auch nur kurz auf Instagram war, habe ich direkt so eine Wut empfunden: Ich war so wütend, auf all diese Creator die dieses Spiel mitspielen. All diese perfekt inszenierten Videos. All diese Clips, in denen keine Note falsch gesungen wird, keine Gitarrensaite zu stark gezupft wird, und keine Spur von Menschlichkeit mehr zu finden ist. Es macht mich wütend, wie viele Menschen damit machen. Noch wütender macht mich, dass ich es wahrscheinlich auch tun müsste, wenn ich eines Tages von meiner Musik leben möchte. Dabei bin ich nicht mal auf die einzelnen Menschen wütend, die ich dann sehe, sondern auf den Einfluss der Technik auf unsere Gesellschaft, und unsere Art und Weise zu leben, die für mich immer abstoßender wird. Es ist ein Konflikt, der mich leider schon viel zu lange begleitet ein Konflikt zwischen zwei Bedürfnissen, die ich in dieser Gesellschaft noch nicht gleichzeitig befriedigen konnte: Mein Bedürfnis nach Integrität und mein Bedürfnis nach Zugehörigkeit. In der Vergangenheit war mein Bedürfnis nach Integrität verletzt, dafür konnte ich aber wenigstens dazugehören. Aktuell ist mein Bedürfnis nach Zugehörigkeit verletzt, dafür kann ich aber wenigstens meine Integrität bewahren. Tief in meinem Inneren schlummert nämlich noch diese Hoffnung, dass ich nur lange genug stark bleiben muss, um auf Menschen zu treffen, denen Integrität auch wichtiger ist als Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft.

mannheim: station der inneren stimme

In Mannheim bin ich dann bei einer meiner besten Freundinnen untergekommen. Es war so schön in ein gewohnteres Umfeld einzukehren mit Menschen, bei denen ich weiß, woran ich bin. Gleichzeitig hat meine Freundin in einer WG gelebt, dessen WG-Leben mich erschüttert hat: Es hatte fast nichts mit einem gemeinsamen WG-Leben zu tun, hier hatte jeder seine eigenen Verpflichtungen, seine eigenen Freundeskreise, seine eigenen Teller, sogar seine eigenen Gewürze. Wahrscheinlich ist es auch das Resultat einer Ära, in der Menschen vermeintlich unabhängig sein können.Dabei glaube ich stark, dass sich die Abhängigkeiten einfach nur deutlich verschoben haben: Früher waren Menschen noch voneinander abhängig, sie mussten lernen miteinander auszukommen. Heutzutage kann jeder Mensch unabhängig von anderen Menschen werden. Die Unabhängigkeit ist in den meisten Fällen aber nichts als eine Illusion, denn nun sind sie umso mehr abhängig von ihrer Arbeit. Das ist eben auch eine Seite der Emanzipation, Frauen sind unabhängiger von Ihrem Mann, aber dafür umso abhängiger von ihrer Arbeit. Bei all den Abhängigkeiten macht mir eine Beobachtung ein wenig Angst: Unsere neuen Freiheiten bedeuten zwangsläufig neue Abhängigkeiten. Allerdings waren die Abhängigkeiten noch nie so konzentriert. Noch nie war die Nahrungsbereitstellung so abhängig wie von einigen Großkonzernen. Noch nie war die Technik so abhängig wie von einigen Großkonzernen. Während wir also unabhängiger von anderen Menschen werden, werden viele von uns umso abhängiger von den Produkten, Dienstleistungen und zum Teil auch von den Jobs der Großkonzerne. Gleichzeitig kann diese moderne Entwicklung aber auch Menschen dazu befähigen, sich aus toxischen Familienstrukturen befreien zu können. Vom Diskurs zurück nach Mannheim: was liegt da wohl näher als Straßenmusik in der hochtouristischen Stadt Heidelberg zu machen. Heidelberg hört sich zwar auf den ersten gut an, aber schnell musste ich feststellen, dass die Stadt super strenge Regeln aufgestellt hatte. Ich war mit Christin unterwegs, um einen Spot zu finden, an dem ich Straßenmusik machen durfte. Insgesamt gab es genau fünf festgelegte Orte, an denen du nur in einem Zeitfenster von zwei Stunden für jeweils eine Stunde spielen darfst. Von diesen fünf ausgewählten Orten, waren zwei total zu vergessen, weil die Standorte direkt an der Straße waren. Diese Tatsache hat mich mal wieder sehr irritiert. Es hat mich innerlich wieder aufgewühlt, sowohl wütend als auch traurig gemacht. An diesem Tag hatte ich letztendlich dann auch gar nicht mehr gespielt, weil die drei bespielbaren Spots alle belegt waren. Mein Kopf war schon wieder am kämpfen. Ich war schon wieder in einer Widerstandshaltung. Ich wollte es einfach nicht akzeptieren, dass in Deutschland mittlerweile so viel reguliert ist und kaum Spielraum bleibt. Allerdings hat es mich noch wütender gemacht, dass ich in meinem Vorhaben schon wieder gebremst wurde. Ich wollte doch so unbedingt meine Ängste überwinden, Menschen daran erinnern mutig zu sein, und endlich auf meine innere Stimme vertrauen. Und als wären da nicht genug Bekannte, die meinen Weg belächeln und andauernd infrage stellen, sind da nun auch noch all diese neuen Herausforderungen, die gesetzlich verankert sind. Es war so demotivierend, und es hat den Wunsch in mir bestärkt umso mehr in ein weniger reguliertes Land ziehen zu wollen. Und als würde Heidelberg Straßenmusik nicht schon unattraktiv genug machen, hat sich die Stadt Mannheim gedacht, wir legen noch einen drauf. Während du in Heidelberg zumindest noch die Ehre hast kostenlos auf den Straßen spielen zu dürfen, darfst du in der Stadt Mannheim eine Gebühr von 17,40 Euro pro Tag zahlen. Naja…. von diesen ernüchternden Auflagen wollte ich mich aber nicht geschlagen geben. Also bin ich eine Stunde bevor man überhaupt spielen darf am besten Spot angekommen, und siehe da: Es waren schon zwei Menschen vor mir da. Zwei Menschen, die beide ihren eigenständigen Act hatten, der nach Heidelberger Regeln eine Stunde nicht überschreiten durfte. Also war der Spot, der nur für zwei Stunden am Tag geöffnet ist, auch schon vollständig belegt für den Tag. Zum Glück konnte ich zumindest an der anderen Stelle noch spielen nachdem ich etwa eine Stunde wartete, bis der Akkordeonspieler vor mir fertig war bzw. aufgrund der zeitlich begrenzten Spieldauer von einer Stunde aufhören musste. Dann durfte ich also endlich mit meiner Gitarre und meinem Gesang auftreten, der leider kaum zu hören war aufgrund der Lautstärke in der Stadt. So war also wieder ein Tag vorbeigegangen. Ein Tag, an dem ich genau 17 Euro verdiente. An spätestens diesem Tag wurde mir klar, nein ich tue das nicht für Geld, nicht für monetäre Anerkennung, sondern wirklich für meine eigene Anerkennung mir gegenüber. Eine Anerkennung dafür, dass ich ich mich wieder getraut habe, meine Angst vor sozialer Bewertung zu überwinden. Eine Anerkennung dafür, dass ich mich nicht geschlagen gegeben habe. Zuletzt eine Anerkennung dafür, dass ich eben immer noch trotz allem meiner eigenen Stimme treu bleibe. Vielleicht waren genau dafür die letzten Jahre gut, ich habe mich zwar viel um mich selbst gedreht, aber es hat mir auch Klarheit verschafft unterscheiden zu können, zwischen diesen vielen verschiedenen Stimmen, die eben jeden Tag mit mir sprechen: Die Stimme der Angst, der Wut, der Familie, der Gesellschaft und letztlich diese eine Stimme, die sich selten bemerkbar macht, die selten laut schreit, sondern eher flüstert. Diese eine Stimme, die mir offenbart, was ich tun möchte, wenn ich vor nichts in der Welt Angst habe. Was würdest du also machen, wenn dir nichts in der Welt Angst machen würde?Wovon träumst du, wenn keiner zuguckt? Je mehr ich darüber nachgedacht habe, was die Menschen denn nun wirklich davon abhält ihre Träume zu verfolgen, desto mehr ist mir ein Gedanke gekommen. Allzu oft wird das Geldproblem benannt: die finanzielle Unsicherheit, die fehlende finanzielle Absicherung. Aber selbst unter privilegierten Menschen ist es eher die Ausnahme, dass Menschen ihren Träumen nachgehen. Deswegen glaube ich mittlerweile, dass Angst vor sozialer Bewertung sogar ein größeres Hindernis sein könnte als der finanzielle Aspekt. Es geht denke ich allzu oft darum, nicht die Person sein zu müssen, die im Leben gescheitert ist. Dabei ist doch genau dieser Punkt am interessantesten: Wer bleibt an deiner Seite, wenn du am Boden liegst? Wenn du nichts zu geben hast außer der Person, die du

station der Unerwarteten Annäherungen

In der nächsten Stadt habe ich also eine alte Bekannte getroffen. Angekommen haben wir uns gleich gut verstanden. Anfangs habe ich mir nicht viel bei dem Besuch gedacht, für mich war es nach all den Jahren einfach ein Wiedersehen, auf das ich gespannt war, aber ansonsten überhaupt keine Erwartungen hatte. Dann sind wir uns aber auf einmal nähergekommen, und haben die insgesamt fünf Tage zwischen Kuscheln, Küssen, Zigaretten, Alkohol, ausnüchtern und wirklich belebenden Gesprächen verbracht. Es war definitiv eine schöne Zeit und wir haben gleich ein nächstes Treffen ausgemacht, das mich innerlich nochmal aufwecken sollte. Dann stand aber erstmal Mannheim an.

leipzig: Station der ehrlichkeit

Ich hatte der Stadt Leipzig zuvor einen Antrag gestellt, um eine offene Bühne auf der Straße machen zu dürfen. Der Antrag wurde akzeptiert und eine Rechnung in Höhe von 60 Euro wurde ausgestellt XD Gleich Montag habe ich mich also wieder auf die Straße gestellt: Dabei hat mich vor allem berührt, dass die Menschen besonders bei meinen selbst geschriebenen deutschen Liedern stehen geblieben sind. Bei genau den Liedern, von denen ich lange dachte, dass sie nicht so gut ankommen würden, wie Covers von bekannten Liedern. Gleichzeitig habe ich Ivka getroffen, die mich gleich eingeladen hat mit ihr zur Open Mic Session zu gehen. Voller Euphorie bin ich auf den Zug aufgesprungen. Bei der Open Mic Session habe ich dann meine Couchsurfer von Leipzig getroffen: Ein junges Paar, das leider nicht sehr zufrieden mit dem Leben schien, weil die beiden aktuell auf Jobsuche waren. Leider konnte ich mich bei Ihnen nicht wirklich wohl fühlen. Schon immer ist Abgrenzung ein Problem für mich gewesen, und hier hat es sich erneut bestätigt: Wenn ich den Eindruck habe, dass es meinen Mitmenschen nicht gut geht, habe ich enorme Schwierigkeiten meine Momente der Freude aufrechtzuerhalten. Dazu kam noch, dass mit mir im Zimmer eine Hauskatze geschlafen hatte, die völlig unausgelastet war. Nachts ist mir die Katze dann irgendwann fast ins Gesicht gesprungen, und ich hatte irgendwann einfach nur noch Angst, weil die Katze so unberechenbar war. Nach zwei Nächten habe ich mich also wieder weiter auf den Weg gemacht: Ich wusste an dem Tag noch nicht, wo ich unterkommen würde, also bin ich einfach mal mit meinem ganzen Gepäck in den Park gegangen. Nachdem ich 20 Minuten mit meinen 20kg auf dem Rücken und der Gitarre angekommen bin, habe ich mich einfach nur erlöst gefühlt. Es waren genau die Gefühle, die ich mir von der Reise erhofft hatte: Eine Reise, die zwar mit sehr viel Anstrengung verknüpft ist, aber dadurch auch aus kleinen Momenten, Momente des höchsten Glücks entstehen. Genauso hat sich die Ankunft im Park angefühlt, als die Sonne geschien hat, und ich endlich das schwere Gepäck abladen konnte. Das schwere Gepäck, das ich tagtäglich mit mir rumtrage, und endlich loslassen konnte, weil nichts in diesem Moment wichtig war. Ich hatte alles, was ich brauchte meinen Raum zum Sein, zum Reflektieren und zum Wirken. Einen Raum, bei dem es mir so schwer fällt ihn mir zu nehmen, wenn ich unter Menschen bin. Im Park hat mich dann ein sehr interessanter junger Mann nach einem Taschentuch gefragt. Offensichtlich war er eigentlich am Joggen. Ich hatte mich zwar gefragt, warum er ein Taschentuch möchte, aber recht schnell waren wir dann auch ins Gespräch gekommen. Er hat mir erzählt, dass er auch Musik macht, er hat mir seine Lieder gezeigt, und ich war beeindruckt. Ich habe ihm dann von meiner Situation und meiner Reise erzählt. Daraufhin hat er mir angeboten, dass ich bei ihm unterkommen könnte, er hätte auch ein Gästezimmer. Dann musste er aber auch weiter, weil seine Mittagspause rum war. Nach kurzem Überlegen habe ich ihm dann geschrieben, dass ich gerne eine Nacht im Gästezimmer unterkommen möchte, falls es möglich ist.Nachdem seine Arbeit vorüber war, bin ich also zu ihm. Nach kurzer Zeit dachte ich bereits: Krass, ich kenne keine Person, die so viel kann wie er. Er hatte einen Vollzeitjob als Informatiker, drei verschiedene Bachelorabschlüsse, seine Wohnung und Küche komplett selbst ausgebaut, und nebenbei noch Musik produziert. Und obwohl dieser Mensch offensichtlich so viele Talente und Fähigkeiten hatte, schien es mir, als würde er es selbst gar nicht sehen können. Vielmehr hat er seine Sachen gezeigt und bevor ich überhaupt reagieren konnte, hat er schon erklärt, dass er gerade erst noch dabei ist es zu lernen. Es war absurd für mich, dass er scheinbar so eine Angst vor meiner Bewertung hatte. Gleichzeitig hat er mir auch sehr gespiegelt, wie ich mich und meine eigenen Fähigkeiten lange heruntergespielt habe. Außerdem hat er mir erzählt, dass seine Eltern beide Doktoren sind und seine beiden Geschwister in die Wissenschaft abgetaucht sind. Nach seinen Aussagen leben seine Geschwister mehr für die Wissenschaft, als dass sie das Leben auch mal genießen würden. Genießen: ein Wort, das ich wahrscheinlich nie ganz verstehen werde. Meistens kann ich meinen Genuss leider nicht mit anderen Menschen teilen, weil meine Gefühlsintensität viel zu stark ist oder meine Glücksgefühle oft in anderen Momenten liegen:Wenn Menschen ihr tiefstes Inneres mit mir Teilen, wenn ich in Augen gucke, die mir leuchtend von Erlebnissen oder Träumen berichten, wenn ich ein neues Lied oder Gedicht schreibe, wenn ich eine persönliche Wahrheit herausfinde. Als Kind konnte ich nie verstehen, warum meine Eltern in den Urlaub fahren wollten. Irgendwann wollte ich nicht mehr mit, weil ich meinen Alltag doch genauso mochte, wie er eben war. Und im Urlaub konnte ich meinen Leidenschaften gar nicht nachgehen: Ich konnte weder Musik machen noch Fußball mit meinen Freunden spielen. Seitdem ich älter bin, mache ich eigentlich keine Urlaube für mich. Ich fahre in den Urlaub, damit ich meinen Freunden nahe sein kann, damit wir uns eben trotz der Distanz nochmal für ein paar Tage sehen können. Die Orte selbst haben mich aber eigentlich noch nie sonderlich interessiert. In den Urlauben ist mir auch bewusst geworden, dass ich oft eine innere Leere spüre, und die Urlaube bei mir eigentlich gar nicht auf innere Resonanz treffen außer in dem Punkt, dass ich meine Freunde endlich wieder sehe. Während ich den Text hier schreibe fällt mir auch auf, dass ich im Urlaub fast jeglichen Aktivitäten gegenüber eine komplette Gleichgültigkeit habe: Meistens würde ich gerne intensiven Aktivitäten nachgehen, wie Kitesurfen oder Scubadiving. Aktivitäten, die anderen leider fast immer zu viel sind. Außerdem schlummert da noch ein Bedürfnis, von dem ich mich nie getraut habe, es zu äußern: Auch im Urlaub mit Freunden brauche ich einfach mal Stunden ohne Zeitrahmen, in denen ich allein sein kann. Ein Bedürfnis, das ich lange als Zeichen für Egoismus gewertet habe, aber mittlerweile verstehe ich, dass ich einfach Zeit brauche, in der wirkliche Stille ist, in der ich all meine Wahrnehmungen einfach

Berlin: station der integrität

Es war keine Wahl: Berlin, war deutschlandweit die einzige größere Stadt, in der es noch möglich war, Straßenmusik mit Verstärker zu machen, ohne eine Lizenz zu benötigen. Untergekommen bin ich durch Couchsurfing bei einem Mann, der mit Kindern mit Down Syndrom an Zirkusshows gearbeitet hat. Glücklicherweise war sein Zimmernachbar gar nicht da, also hatte ich sogar mein eigenes Zimmer. Voller Vorfreude hab ich mich auf den Weg zum Alexanderplatz gemacht: Ich wollte endlich einfach mal ins kalte Wasser mit all seinen Herausforderungen. Am ersten Tag ist es gleich daran gescheitert, dass ich es nicht hinbekommen sollte, meinen Notenständer aufzubauen. Nach dem ich 10 Minuten versucht hatte ihn zu entklirren, habe ich aufgegeben: Ich habe mich zu unwohl gefühlt, um länger dazustehen und wie ein Idiot auszusehen. Aber das gehört eben auch dazu: Die Angst vor sozialer Bewertung überwinden. Am zweiten Tag habe ich mich also nochmal auf den Weg gemacht. Gleichzeitig ist mir aber auch aufgefallen, dass ich mich eigentlich zu müde gefühlt habe. Zu müde, um diesen anstrengenden Weg in der Bahn, auf mich zu nehmen: zu müde für diese Lautstärke, für all diese Gesichter, für all diese Reize, die mein System überfluten. Es war etwas, das ich mir aber noch nicht eingestehen wollte. Also habe ich einen Kaffee getrunken, der mir den nötigen Antrieb gegeben hat. Wieder bin ich zum Alexanderplatz, und wieder sollte ich enttäuscht werden: Der Platz, auf dem ich spielen wollte, war bereits besetzt. Ich fahre also weiter zur Warschauer Straße, auch der Platz ist besetzt. Die anderen Plätze haben sich für mich nicht lohnenswert angefühlt: Es war entweder direkt an der Straße oder im Niemandsland. Mir war aufgefallen, dass ich oft weitergefahren bin, weil mir die Orte nicht ideal genug erschienen. So, habe ich also mehr Zeit in der Bahn verbracht, um den perfekten Ort zu finden, anstatt wirklich einfach mal Musik an der Straße zu machen, unabhängig von den Bedingungen. Es war wie eine Lüge vor mir selbst: Ich hatte auf die perfekten Bedingungen gewartet, um starten zu können. Auf die perfekten Bedingungen, die aber nie kommen werden. Auf die perfekten Bedingungen, auf die ich im schlimmsten Fall bis zum Tag im Sterbebett warte. Am nächsten Tag war ich bereits ein bisschen genervt von mir und dieser Beobachtung. Nun sollte es aber auch einen Tag Pause dazwischen geben, denn obwohl ich nicht gespielt habe, haben diese Tage sehr an meinen Kräften gezehrt. Also bin ich mit meinem Couchsurfer bei 30 Grad zum See Krumme Lanke. Dort habe ich gemerkt, wie er sich mir körperlich nähern wollte. Ich habe vor allem Angst empfunden, weil meine Unterkunft in Berlin ja von ihm abhing und ich ihn als Menschen noch gar nicht einschätzen konnte. Nachdem ich es aber kommuniziert habe, hat er meine Grenzen vollständig respektiert und wir haben uns wie gute Freunden verstanden. Alle guten Dinge sind drei: Am dritten Tag wollte ich kleine Brötchen backen. Ich bin zum Steglitzer Markt gefahren, um zu spielen. Dort sind zwar keine Touristen, aber ich wollte einfach endlich mal anfangen, ohne bangen zu müssen, dass der Platz schon wieder belegt ist. Ich habe meine Sachen aufgebaut, und gespielt. Die ersten 15 Minuten vergangen. Keiner hat wirklich zugehört, aber nach einiger Zeit hat der Marktverkäufer einen Daumen hoch gezeigt. Ein Bild, das sich wahrscheinlich durch meine gesamte Uni-/Schullaufbahn gezogen hat. Zwar von außen bestärkt, aber innerlich am kaputt gehen durch meine eigene Stimme: Sie hat mich wie immer klein geredet und fertig gemacht hat, aber ich bin diesmal stehen geblieben, ich wollte ihr keine Bedeutung schenken, ich wollte ihr nicht Recht geben. Ich wusste, dass es nichts bringt sie zu bekämpfen, aber ich wollte nicht länger, dass diese Angst mein Leben und Verhalten bestimmt. Also, bin ich stehen geblieben in meinem eigens konstruiertem Sturm. Dann habe ich irgendwann wahrgenommen, wie eine ältere Frau neben mir Platz genommen hat, um zu zuhören. Wenig später sind wir ins Gespräch gekommen. Ich hatte gespürt, dass Marianne so viel Teilen wollte, und so viel zu teilen hatte. Ich habe ihr Raum gegeben sich zu öffnen und vom einen zum anderen Mal haben ihre Augen wieder angefangen zu leuchten. Da war also die 89-jährige Marianne, die mir erzählt hat, dass sie auch eigene Lieder schreibt, die ihre Freunde immer zum Weinen bringen. Sie lud mich ein zu sich nach Hause. Genauso habe ich mir das Leben vorgestellt, von der Straße, der vermeintlichen Bühne, zu dem Kontakt mit authentischen Menschen. Ein paar Tage später war ich also bei der Marianne in der Küche. Direkt neben dem botanischen Garten hat sie wie eine Königin in einer wunderschönen Altbauvilla gewohnt. Marianne hatte schon alles parat: ihre Gitarre, ihre Noten und ihre Lieder lagen bereits auf dem Küchentisch. Gleich das erste Lied hatte mich zutiefst berührt: No time, there is no time. No time for loving, no time for dying, no time, there is no time. Ein Gefühl, das sich wahrscheinlich von Generation zu Generation trägt und obwohl meine Generation, mehr Zeit hat als jede andere zuvor, existiert dieser Konflikt mehr denn je. Die Technik, die doch zunehmend geschaffen worden ist, um Zeit zu schaffen, hat für mich vor allem ein Bild geschaffen: Zwei Menschen, die sich zwar gegenüberstehen, jedoch durch ihr Display getrennt voneinander sind. Obwohl das Bedürfnis hochzugucken größer als alles andere ist, ist der erste Impuls eben aufs Handy zu schauen. So haben wir mittlerweile mit unseren Geliebten mehr Kontakt über das Display als in Person. Natürlich liegt es in der Hand jedes Menschen, wie er die Technik nutzt, aber unsere Gesellschaft hat in meinen Augen jeglichen gesunden Umgang damit verloren. Statt zu einer Verbindung führt es eben viel mehr zur Vereinsamung und der Illusion, dass auch unserer Generation die Zeit fehlen würde für tiefe, ehrliche, menschliche Verbindungen. Während Marianne die Lieder vor Jahren geschrieben hat, haben sie stets intergenerationale Konflikte angesprochen. Sie hatte auch ein Lied über ihren verstorbenen Ehemann an all die Witwen dieser Welt geschrieben. Ein Lied, das uns beide zu Tränen gerührt hat. Sie hat mich gefragt, was ich denn

Berlin & meine Vergangenheit 

Meine Reise sollte in genau der Stadt starten, aus der ich noch vor einem Jahr geflohen bin und über nichts glücklicher war, als weggekommen zu sein. Dabei hat es sich nicht wie eine freiwillige Entscheidung angefühlt.Ich bin geflohen aus dieser Großstadt, in der ich fast täglich Albträume hatte, in der ich eine Histaminintoleranz entwickelt habe, in der mein System komplett überfordert war mit all den Reizen. Insgesamt habe ich sechs Monate in dieser Stadt überlebt. Eine Stadt, die ich genau mit einer Wahrnehmung verbinde, und zwar dass ich nicht fühlen durfte. Ich durfte nicht fühlen, weil ich sonst in all meinen Gefühlen und Empfindungen ertrunken wäre. Irgendwann war mein Körper dann so überfordert, dass ich gar nicht mehr rausgehen wollte. Ich wollte mein Zimmer nicht mehr verlassen, weil mich allein der Gedanke von dieser großen, lauten, reizüberflutenden Gegend fertig gemacht hat. Aber warum in aller Welt habe ich trotzdem genau diese Stadt gewählt? Es war keine Wahl…

Von der Paralyse zur Aussprache 

Es waren die letzten zwei Woche vor der Abreise. Es sollten nochmal 14 Tage daheim sein mit meiner Schwester, meinem Vater, und meiner Mutter. Ich habe gemerkt, wie ich schon echt eine bestimmte Rolle in unserer Familie eingenommen hatte, und wie schwer es mir gefallen ist, mich davon zu lösen, mich abzugrenzen, ohne Schuldgefühle zu entwickeln. Eine Situation war ein Paradebeispiel für meinen inneren Konflikt zwischen Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein gegenüber meinem Wunsch Musik zu machen. Ich hatte Klavier gespielt, und wie so oft ist jegliches Zeitgefühl verschwunden. Irgendwann wurde ich dann darauf aufmerksam gemacht, dass es doch nicht gehen würde, dass ich jetzt schon wieder so viele Stunden nur Musik mache. Ich müsste doch auch mal rausgehen an die frische Luft. Es sei kein Wunder, dass es mir mental so schlecht gehe, wenn ich so unausgeglichen lebe. Es waren Sätze, die mich getroffen, aber keineswegs verwundert haben. Ich konnte es ja nachvollziehen und ein Stück weit als Wahrheit ansehen. Im gleichen Zug konnte ich nicht anders als folgenden Gedanken zu lassen: Mir wird hier vermittelt, dass ich zu viele Stunden mit meiner Musik verbringen würde, während die gleichen Menschen definitiv mindestens genauso viel Zeit, wenn nicht mehr in ihrem Job verbringen. Ich habe mich früher oft schlecht gefühlt, wenn ich innerlich wusste, dass ich an manchen Tagen viel lieber Musik machen wollte, als so viel Zeit mit anderen Menschen zu verbringen. Ich habe mich für dieses Bedürfnis geschämt und mich als egoistich gesehen. Rückblickend sehe ich vor allem, dass meine Musik eigentlich nur von meiner Mutter anerkannt worden ist. Ich selbst hatte meine Musik viele Jahre vor allem als ein Prokrastinieren abgestempelt. Ich dachte, dass ich Musik eben nur mag, weil es ein Weg ist, um den wirklich wichtigen Dingen, die im Leben nun mal zählen, auszuweichen. Genau in diesem Satz liegt schon die ganze Antwort: Nie wollte ich mich freiwillig mit zählbaren Dingen, mit Materiellen Dingen im Leben beschäftigen. Es war etwas, das mir von der Gesellschaft, als das Essenziele beigebracht worden war. Seitdem ich aber anfange Musik als etwas Essenzielles anzusehen, und meine Leidenschaft nicht länger verleugne, hat sich auch die Haltung meiner Familie gegenüber meiner Musik verändert, wofür ich unfassbar dankbar bin. Wenn meine Wahrnehmungen nur ein Spiegel meines Inneren sind, dann muss ich halt genau da anfangen: Bei mir. Ich musste anfangen mich selbst für meine Musik anzuerkennen, bevor ich irgendein Lob wirklich annehmen konnte. Bevor ich mir erlaubt habe dieses Feedback anzunehmen und dieses schöne Gefühl zuzulassen. Dazu gehört eben auch: Spüren zu dürfen, wie ein anderer Mensch seine Bewunderung für meine Person ausdrückt. Vor wenigen Wochen wäre das bei mir noch auf Abstoß meiner inneren Stimme getroffen, die überhaupt keinen Stolz zugelassen hätte. Meine innere Stimme, die egal was ich auch getan habe, mir weiter eingetrichtert hätte, dass ich das gar nicht verdient habe. Nun hat es sich geändert, und so auch das Interesse meiner Eltern für meine Musik. Ein Satz aus der Vergangenheit, an den ich mich noch sehr klar erinnere war folgender: Was erhoffst du dir eigentlich mit dem stundenlangen Gitarrenspiel? Erst war ich verblüfft von diesem Kommentar, aber im Nachhinein bin ich froh, dass ich mein eigenes Interesse trotzdem weiterverfolgt habe. Nun klingen die Kommentare auch schon ganz anders und ich werde wirklich sehr doll für meine Entscheidung respektiert und vor allem auch unterstützt. Ich kann fühlen, wie sich meine Eltern mit mir freuen, wenn ich von meinen Erfolgen erzähle, und wie sie mich aufbauen in Momenten, in denen Sorgen und Zweifel überwiegen. In den letzten Tagen vor der Abreise konnte ich aber auch fühlen, dass meine Mama schon auch sehr besorgt und ängstlich war. Was ich aber noch mehr fühlen konnte als die Angst in meiner Familie, war meine Wut. Es waren meine eigenen Gefühle und Bedürfnisse, die ich wahrscheinlich zum ersten Mal klarer wahrnehmen konnte als die ganzen Erwartungen und Bedürfnisse meiner Mitmenschen. Meine Wut wollte mich wieder zum Aktionismus führen: Sie hat gespürt, dass ich die letzte Woche zu Hause war, ohne meinem Traum einen Schritt näher zu kommen. Also bin ich wieder wütend aufgewacht, so lange bis ich endlich los bin. Bis ich endlich los bin von meinem Zuhause, von meiner Herkunft, von meiner Familie, um meinen eigenen Weg zu gehen. Dieser Weg sollte in Berlin starten.