angekommen in der realität

Die ersten Tage war ich immer noch wie beflügelt. Ich wollte unbedingt genau die gleiche Routine einhalten, wie im Kloster. Jede Mahlzeit hat sich immer noch wie das größte Geschenk angefühlt. Ein Geschenk von den Reichtümern dieser Erde und dieser Natur. Ein Geschenk, für das es sich lohnt sich Zeit zu nehmen, um es in vollen Zügen zu genießen. Wertschätzen und Genießen, zwei Fähigkeiten, die mir definitiv noch nie so nahegelegt worden sind, wie im Kloster. Mein Kopf war doch stets darauf konditioniert, das zu sehen, was noch nicht da ist, um sich stetig verbessern zu können und vor allem, um dem Glück weiter hinterherzujagen. Eine Jagd, bei der ich nie tiefe Zufriedenheit spüren konnte, auch nicht in den Momenten, in denen ich doch eigentlich alles erreicht hatte, was ich mir vornahm. Eine Jagd, die nie darauf ausgerichtet war, tiefe Zufriedenheit auszulösen, sondern eine Jagd, die darauf ausgerichtet war, die innere Leere zumindest kurzfristig durch das Erreichen von Zielen füllen zu können. Eine Jagd, die sich je älter ich wurde, immer bedeutungsloser und leerer angefühlt hatte. Nun hatte ich aber endlich gelernt und selbst erfahren, wie sich Zufriedenheit anfühlt. Es ist ein Zustand, in dem es mir an gar nichts fehlt. Weder trauere ich der Vergangenheit hinterher, noch blicke ich eifrig der Zukunft entgegen. Ich hatte eine innere Ruhe gefunden. Diese innere Ruhe spüre ich normalerweise nur, wenn ich zum Teil etwas Größerem werden. Wenn ich meine eigene Existenz gar nicht mehr spüre, weil sie so mit allem um mich herum verbunden ist. Wenn sich alles auflöst, was ich vorher für mich gehalten habe und sich alles um diesen einen Moment dreht. 
Dieser Moment war lange Zeit Fußball für mich und aktuell ist dieser Moment Straßenmusik. Jedes Mal, wenn mein Geist abschweift, verspiele ich mich. Also folgen automatisch immer längere Episoden dieser vollen Hingabe für die Tätigkeit. In dieser vollen Hingabe kann ich manchmal gar nicht mehr unterscheiden, ob ich es bin, die, die Gitarre spielt, oder ob das gerade einfach alles passiert, ohne dass irgendein Denken beansprucht wird, ohne dass irgendeine Steuerung geschehen müsste. Denn sobald ein Gedanke hochkommt, bin ich nicht mehr in der vollen Hingabe. Sobald ein Gedanke hochkommt, bemerke ich wieder, dass es mich doch noch gibt. Aber in meinen Lieblingsmomenten ist alles fließend, verschwommen, grenzenlos, und jegliches Bewusstsein löst sich auf. Es gibt dann eben nur noch diesen einen Moment. Im Kloster hat sich die innere Ruhe anders ausgedrückt. Es war fast wie ein Dauerzustand, von dem ich kaum abzubringen war und das ganz ohne Fußball, ganz ohne Musik. Es war wie ein sich ständiges dran Erinnern, Teil von Allem zu sein, und jegliche Vergangenheits- oder Zukunftsgedanken haben sich für mich total unsinnig angefühlt. Eben wie ein Konzept meines Egos, das kein anderes Ziel hat, als mich aus meiner inneren Ruhe zu bringen. Diese innere Zufriedenheit und diese pure Freude über das Wunder dieser Welt, konnte ich auch noch Tage danach aufrechterhalten. Leider ist die Stimmung dann irgendwann wieder gekippt. Ich hatte das Gefühl schon wieder alleine zu sein. Alleine mit dem, was ich erfahren hatte, was ich erlebt hatte, und was ich doch so gerne mit den Menschen in meinem Umfeld teilen würde. Ich wollte es nicht nur teilen, ich wollte, dass sie genau die gleiche Begeisterung und Freude empfinden können, wie ich. Wenn ich gefragt worden bin, wie die Zeit im Kloster war, hatte ich genau einen Satz, der nicht zutreffender hätte sein können: Es war besser als jeder MDMA Trip dieser Welt. Es war für mich so absurd, dass die Realität ohne jeglichen Konsum, wirklich intensiver, und schöner sein konnte, als eine Droge, die doch darauf ausgelegt war, maximale Freude und Intensität auszulösen. Im Leben hätte ich das wahrscheinlich selbst niemals glauben können, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte. Umso trauriger hat es sich für mich angefühlt, als ich bemerkt hatte, dass keine Erzählung dieser Welt, meiner Erfahrung gerecht werden konnte. Was für mich aber mit Abstand das Allerschwerste war, war die Reaktion meiner Familie. Die Reaktion einer Familie, die Angst hatte ihre Enkelin, ihre Schwester, ihre Tochter an das Kloster zu verlieren. Statt teilender Begeisterung musste ich also in weinende Gesichter blicken und für mich brach in diesem Moment meine Welt zusammen. Ich konnte und ich glaube ich wollte auch einfach nicht verstehen, wie in aller Welt sie sich nicht für mich mitfreuen konnten. Wie konnten sie sich nicht für mich mitfreuen, wenn ich doch das größte Glück meines Lebens erfahren durfte.
So schockierend, wie es auch für mich war, umso wichtiger war eben auch diese harte Realisierung: Diese harte Realisierung, dass meine Entscheidungen für ein aus meiner Sicht zufriedenes Leben, meine Liebsten Menschen so sehr verletzen könnten. Gleichzeitig wusste ich aber auch für mich, dass ich nicht so weiterleben kann, wie ich es die letzten Jahre getan hatte. Die letzten Jahre, in denen ich von Jahr zu Jahr immer weniger Hoffnung hatte, immer weniger Begeisterung gespürt hatte, und mich wohlmöglich immer mehr in der Anpassung verloren hatte. Ich wusste, dass ich meine wahren Wünsche nicht länger verleugnen konnte, wenn ich ein zufriedenes Leben führen möchte. Ich wusste, dass ich bereit sein muss meine Familie zu verletzen und zu enttäuschen, um meine wirklichen Träume für mein Leben verfolgen zu können.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert