Erinnerung an inspiration

Während mich die Wut anfangs noch komplett paralysiert hatte, habe ich mehr und mehr beobachtet, wie ich jetzt endlich wieder handeln wollte. Ich hatte es satt jeden Tag diese gleichen vier Wände zu sehen. Jeden Tag ängstlich und wütend aufzuwachen. Jeden Tag zu meditieren ohne zu wissen, wofür ich überhaupt noch aufstehe. Ich hatte nichts vor mir, dass mir irgendwie Freude bereitet hätte. Alles in meinem direkten Umfeld hat mich nur an die Sachen erinnert, die ich für mein Leben auf gar keinen Fall wollte: Ein klar strukturiertes, geplantes Leben, Deadlines für Hausarbeiten, Vorlesungen, in denen ich fast einschlafe, und vor allem ein Lernen ohne selbst Entdecker sein zu dürfen. Ein Lernen, bei dem in richtig und falsch eingeteilt wird. Ein Lernen mit klarer Anleitung, wie die Dinge zu sehen sind. Ein Lernen, das vor allem aber auch die Funktion erfüllt, eine gute Note zu schreiben und letztlich mit künstlichem Interesse geschieht. Es gab einen Ort, an der Uni, der mich immer besonders wütend gemacht hat und ich konnte nie verstehen warum. Es war die Bibliothek. Es war die Bibliothek, in der tagtäglich hunderte von jungen Menschen mit leerem Blick und gekrümmter Haltung rein und rausmarschierten. Hunderte von jungen Menschen, die in Büchern lesen und durch die Erfahrungen anderer Menschen lernen, statt es selbst zu wagen ihre eigenen Erfahrungen zu machen. Hunderte von Menschen, die Scheinen, Titeln und Qualifikationen hinterherjagen. Hunderte von Menschen, die eine Veränderung in unserer Gesellschaft bewirken könnten, wenn sie dieses Spiel nicht länger mitspielen würden. Zugegebenermaßen hat mich aber besonders ein Punkt daran wütend gemacht: und zwar das auch ich in dieser Bibliothek saß, obwohl es nicht das war, was ich wollte. Obwohl ich doch viel lieber unter den Entdeckern als unter den Gelehrten sein wollte. Also habe ich in all den anderen Studenten meine eigene Unzufriedenheit gesehen. 
Seit meiner Jugend haben mich schon immer Menschen fasziniert, die ihren eigenen Weg gehen, abseits der Norm, abseits all dieser Stimmen, die einem eintrichtern, dass das eigene Vorhaben unmöglich ist. Eben diese Menschen, die noch eigene Träume haben, für die es sich zu leben lohnt. Eben diese Menschen, deren Leben in einem größeren Kontext sinnstiftend statt sinnsuchend ist. Eben diese Menschen, die volle Verantwortung für ihren Lebensweg übernehmen und alle Kosten in Kauf nehmen, um selbst Gestalter ihres eigenen Lebens zu sein. Eben diese Menschen, die ihr Leben lieber selbst in die Hand nehmen, statt sich darüber zu beschweren, wie die Dinge eben nun mal sind. Eben diese Menschen, die mich durch ihren eigenen Weg, daran erinnert haben, was ich eigentlich möchte. Eben diese Menschen, die mich nicht belehren wollten, was ich tun sollte, sondern diese Menschen, die mich durch ihren eigenen Weg so sehr inspiriert haben, wie keine Lehre der Welt es hätte tun können. Es war nämlich eine Form der Inspiration, die an die Substanz ging, die schon etwas fast Vergessenes in meinem tiefsten Inneren berührt hatte. Eine Inspiration, die mich an all die Möglichkeiten in der Welt erinnerte. Eine Inspiration, die mich auch daran erinnert hat, dass ich ich selbst sein darf, dass ich für mich und meine Wünsche einstehen darf und, dass es sogar erwünscht ist, dass ich sie verfolge. Also war mir klar, dass ich meinen eigenen Weg gehen möchte. Ich wollte fast schon Weg finden schreiben, aber ich bin mir sicher, dass der eigene Weg kein Finden ist, sondern ein mutiges Voranschreiten trotz all der Zweifel. Ein mutiges Voranschreiten, das manchmal pure Zerrissenheit und manchmal pures Glück bedeutet, das vor allem aber endlich wieder eins ist: Ein Erleben, das sich lebendig anfühlt. Ein Leben, das weder auf Kontrolle noch auf Komfort aus ist, sondern ein Leben, dessen Höhen und Tiefen ich in vollen Zügen kennenlernen möchte. Eben ein Leben, für das ich mich entschieden habe.

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