Ohne, dass ich es erwartet hatte, kam schon auf der Reise zum Kloster Neugierde und Enthusiasmus in mir hoch. Wahrscheinlich hatte ich auch wieder ein Stück weit Hoffnung. Ich wusste zwar nicht warum, aber irgendwas in mir hat sich gefreut, zumindest etwas Neues zu erfahren, statt nur davon zu lesen. Anders als ich es von einem Kloster erwartet hatte, waren draußen Schaukeln, ein Volleyballnetz und auch Fußballtore aufgebaut. Die Mönche und Schwestern haben so viel Spaß gehabt, und täglich so viel gelacht, dass es schon fast zu befreit schien, um wahr sein zu können. Ich dachte beinahe, dass es unnatürlich sei, weil es mir so fremd war. Es war mir fremd, so zufriedene, ausgeglichene, dankbare, freundliche, und zuvorkommende Menschen zu sehen, dass ich es zuerst für gestellt, bizarr und komisch hielt. Es war mir fremd all diese positiven Emotionen zu sehen, ohne jegliche Form von Konsum. Es war kein Joint nötig, es war kein Film nötig, es war kein Alkohol nötig: Allein aus der reinen Präsenz, Vulnerabilität und Offenheit konnte so viel Freude entstehen. Normalerweise bin ich absolut kein Morgenmensch, aber um 5.30 Uhr hieß es aufstehen für die erste 30-minütige Meditation und danach Frühstück in Stille. Danach wurde erstmal im Kreis zusammen gesungen: das war so unfassbar schön, verbindend, und so ein befreiendes Gefühl, obwohl der Tag ja noch gar nicht richtig gestartet hatte. Nach dem Frühstück kam dann eine Arbeitsmeditation, in der wir uns rein auf die Tätigkeit, Kochen, Putzen usw. konzentrieren sollten. Dann stand einer meiner Lieblingsmomente an: der Dharma Talk mit dem Thema Cultivating Inner Peace. Es hat nicht lange gedauert, bis ich komplett in Tränen ausgebrochen bin. Ich habe generell noch nie so viel geweint und gelacht in meinem Leben, wie an diesen Tagen. Ich hatte das Gefühl, dass ich endlich einfach mal alles zeigen kann, was da ist. Das ich endlich mal loslassen kann von dieser täglichen Abgestumpftheit allen Leids gegenüber, nur damit ich funktionieren kann. Nur damit ich nicht in all dem Mitgefühl ertrinke, dass ich empfinde, wenn ich das Leid anderer Menschen spüre. Hier war genau ein Gedanke für mich anders, der diesen Unterschied erlaubt hatte: Hier waren die Menschen freiwillig, um sich mit ihrem Inneren auseinanderzusetzen. Hier waren die Menschen, um ein Zuhause in sich zu finden, um einen Frieden in sich zu finden. Dieser Gedanke hat bei mir so eine tiefe Befreitheit ausgelöst. Es war dieses Gefühl von endlich muss ich mich mal gedanklich nicht mit dem Leid eines anderen Menschen beschäftigen. Endlich darf ich einfach mal loslassen, und mich freuen über das Glück, das ich empfinde. Endlich hatte ich das Gefühl, in einer Gemeinschaft zu sein, die die Finger nicht auf andere richtet, sondern erstmal bei sich selbst anfängt. In dem Dharma Talk ist ein Satz gefallen, der mich zutiefst getroffen hat: I allow myself to be joyful. In der Vergangenheit habe ich wirklich gerne sehr viel zu viel Alkohol getrunken, damit ich nicht mehr denken muss, damit ich einfach Spaß haben kann. Dadurch war für mich Freude stark daran gekoppelt, alkoholisiert sein zu müssen, weil ich sonst keinen Zugang mehr dazu gefunden hatte. In meinem Alltag war ich meistens nicht befreit genug, um diese totale Freude zulassen zu können. Ich habe sogar angefangen zu glauben, dass ich nicht gut darin bin, einfach nur zu Sein, dass ich nicht einfach nur Spaß haben kann, dass ich nur Spaß im Pursuit finden kann. Ich habe mir die Freude nicht erlaubt, Spaßiges hat mein Kopf oft direkt, als etwas unnützes bewertet. Ich hatte mir selbst eine Schranke gebaut, um Glück empfinden zu können. Gleichzeitig ist mir aufgefallen, dass ich mich kaum getraut hatte Freude zu zulassen, weil ich so eine tiefe Scham empfunden hatte, wenn ich andere Menschen gesehen habe, denen es gerade nicht so gut geht. Ich habe mich geschämt eine gute Zeit zu haben, während andere Menschen in meinem Umfeld so kaputt an ihrer Arbeit gehen, während ich mir ein schönes Leben mache. Gleichzeitig konnte ich mich gefühlstechnisch gar nicht abgrenzen, und nach wie vor habe ich eine schwere Beziehung zu dem Begriff. Rein evolutionstechnisch macht es ja total viel Sinn, dass ich mitfühle, damit ich eben dazu ermutigt werde meinem Gegenüber zu helfen. Nun verstehe ich, dass es heutzutage notwendig geworden ist Empathie zu regulieren, damit ich nicht in ihr ertrinke. Aber ich habe den Eindruck, dass es auch auf Kosten meiner Freude geschieht. Wenn ich meine Empathie für das Leid reguliere, werde ich mich auch für die Freude meines Gegenübers weniger mitreißen lassen können. Ein Spannungsfeld, das mich innerlich zerreißt: egal ob im Supermarkt, in der Uni, oder auf dem Weg nach Hause, überall müssen wir uns regulieren. Und genau das ist es, was mich da draußen so oft fertig macht: Das wir eine Welt konstruiert haben, in der ich nur noch funktionieren kann, wenn ich möglichst wenig fühle. In der ich mich nicht mehr auf meine Sinne verlassen kann. In der ich sogar belohnt werde, wenn meine Sinne abstumpfen. In der ich Zugang zu dem verliere, was mich zum Menschen macht: meine Gefühle. Und bei all diesen Begriffen rund ums Regulieren, das notwendig geworden ist, um funktionieren zu können, wundert es mich gar nicht mehr, dass es mir so schwer fällt Vertrauen in meine Gefühle zu haben. In dem Kloster bin ich dafür umso stärker wieder in Kontakt zu meinen Gefühlen getreten. Ich habe wieder ein Gefühl dafür bekommen, wie es ist fühlen zu dürfen. Es hat sich angefühlt, als hätten sie nur darauf gewartet, endlich frei gelassen zu werden. Überraschenderweise habe ich am dritten Tag Wut gespürt. Ich war wütend, dass diese Menschen hier so ein zufriedenes Leben geführt haben. Ein Leben, das so auf gemeinsame Freude, Empathie und Dankbarkeit ausgerichtet war, während andere Menschen da draußen so sehr Leiden. Es hat mich wütend gemacht, dass so viele Menschen gar nicht wissen, dass dieses Glück möglich ist. Und wahrscheinlich hat es mich persönlich auch tief getroffen, weil ich eigentlich gar nicht mehr daran geglaubt hatte, dass das Leben eben auch so schön sein kann. Ein weiteres Highlight für mich waren definitiv die Dharma Sharing Runden: Wir haben einen Sitzkreis gebildet und jeder durfte, wenn er eben wollte, teilen, was ihn gerade so bewegt. Es war ein Zuhören, anders als ich es häufig gewohnt bin. Es war kein Zuhören mit dem Willen seine eigenen Ansichten zu bestätigen. Es war kein Zuhören, um dich in Boxen einzuordnen. Es war kein Zuhören, um möglichst schnell wieder von sich zu erzählen, sondern ein zuhören, um das Gegenüber aufrichtig zu verstehen, ohne zu urteilen. Nach diesen ehrlichen und vulnerablen Runden habe ich mich echt super schnell zutiefst verbunden gefühlt. Fast schon unheimlich, wie ich nach ein paar Tagen behaupten konnte, dass ich einige dieser Menschen besser kannte, als ehemalige Mitbewohner, denen ich doch zumindest räumlich so nahe stand. Von Tag eins an habe ich mich im Kloster einfach so unglaublich richtig gefühlt, ich habe von Anfang an gedacht, wow es gibt diesen Ort wirklich: diesen Ort, wo Menschen dieselbe Sprache sprechen, dieselben Gedanken teilen, und einen Ort, wo meine Gedanken über die moderne Gesellschaft nicht als lästig gesehen werden, sondern sogar willkommen sind. Wie nie zu vor konnte ich besonders eine Emotion spüren: Ich habe mich angekommen gefühlt. Ich wusste, dass ich nicht mehr suchen muss, weil ich meinen Frieden gefunden hatte. Er lag in meinem Inneren, in einer Akzeptanz für meine eigene Person und einer Gemeinschaft, die mich für genau die Person liebt, die ich bin. Gleichermaßen habe ich zu keinem Zeitpunkt gedacht, dass es mir an irgendetwas mangelt oder fehlt. Es hat sich einfach alles vollkommen angefühlt. Diese Erfahrungen waren so mächtig, dass ich mich verliebt gefühlt habe. Ich habe mich verliebt in das Leben gefühlt. Natürlich war ich ein bisschen traurig als es vorbei war, um die ganzen tollen Menschen, die ich erstmal nicht wiedersehen werde, aber gleichzeitig habe ich mich auch ganz doll darauf gefreut all meinen Freunden von dieser Erfahrung zu erzählen. Ich wollte am liebsten der ganzen Welt mitteilen, was ich in diesen Tagen spüren durfte. Ich wollte ihnen Hoffnung schenken für ihr Leben und auch Mut neue Wege zu gehen. Aber am allerliebsten wollte ich, dass all diese Menschen auch mal genau das fühlen können, was ich in diesen Tagen spüren durfte, und vorher nie für möglich gehalten hätte.