Begegnung mit meiner inneren Leere
Zu diesem Zeitpunkt habe ich mir einen Zettel an die Wand geklebt mit dem Aufdruck: geh nicht zurück zur Uni. Obwohl ich rational wusste, dass das Unisystem noch nie zu mir gepasst hatte, wollte mein Kopf ständig zurück zur Sicherheit. Obwohl ich doch eigentlich nichts mehr als Ruhe und Pause vom Bewerten, vom Planen, vom Kontrollieren wollte, haben sich meine Gedanken ständig, um die gleichen Sachen gedreht. Was nun? Was soll ich tun? Was möchte ich werden? Der Schritt vom geplanten Leben ins Nichts, war definitiv ein Schlag. Mein Kopf wollte zurück. Zurück in das, was er kennt. Zurück in das Bekannte, wo er sich wohlfühlt. Also wollte er immer und immer wieder bewerten, kontrollieren und Pläne schmieden. Natürlich habe ich auch ganz schnell wieder etliche Studiengänge gefunden, die sich interessant angehört haben. Diesem Impuls konnte ich aber nicht länger folgen, er hätte sich wieder wie ein Verrat an meine eigene Person angefühlt. Gleichzeitig habe ich bemerkt, wie mein Kopf so unbedingt zumindest über irgendetwas in meinem Leben Kontrolle spüren wollte, dass es sich begann aufs Essen zu übertragen. Meine Gedanken haben immer mehr versucht, die Essenszunahme zu kontrollieren, um bloß nicht die 2000 Kalorien am Tag zu überschreiten. At the same time, habe ich mich dafür gehasst, dass mir meine Gedanken diese Sachen antun, ja dass sie so konditioniert, darauf sind kontrollieren zu wollen, statt einfach Vertrauen zu haben, in das was eben kommt. Trotzdem bin ich stark genug geblieben, um dieser ganzen Unruhe Stand zu halten. Das Allerhärteste war für mich vor allem der soziale Druck. Ich wusste, dass wenn ich meinen eigenen Weg finden und gehen möchte, dann gibt es eben diesen einen Preis, den ich bereit sein muss, dafür zu zahlen. Diesen Preis, missverstanden zu werden, belächelt zu werden, als Phase abgestempelt zu werden und zu guter Letzt von Menschen in der Familie als Enttäuschung gesehen zu werden. Nichts mehr als Ruhe von meinen Gedanken wollte ich in diesen Momenten, nichts mehr als einfach mal daliegen zu können, Sein zu können, ohne all die sozialen Folgen von meinen Handlungen zu überdenken. Und obwohl ich klar für mich hatte, dass ich jetzt meine eigenen Entscheidungen aus meinem Gefühl heraus treffen werde, war da immer noch jeden Morgen diese immense Wut. Diese immense Wut, gegen das gerichtet, was meine Gedanken und Zukunftsängste mir jeden Tag antun. Zusätzlich hatte ich schon seit einem Jahr lang täglich meditiert, sprich ich konnte sehr gut meine ständigen Impulse beobachten, genauso wie meine Angst vor sozialer Bewertung und vor allem meine wohl größte Angst, soziale Ablehnung. Während ich ohne Meditation niemals so ein klares Bewusstsein für meine Gefühlswelt und meine Impulse entwickeln hätte können, war ich maßlos überfordert, was ich denn nun mit all dem Wissen über mich tun soll. Aber vor allem wollte ich eines: Ich wollte wissen, wie ich diese immense Wut, die mich jeden Tag fertig macht, loswerden kann, damit ich endlich mal zur Ruhe kommen kann. Es hat sich so schrecklich angefühlt: Ich habe quasi den ganzen Tag lang nicht viel gemacht außer versucht abzuschalten, und gleichzeitig war es überhaupt nicht möglich abzuschalten, weil ich so konfrontiert war mit dieser inneren Leere. Es war meine eigene innere Leere, die nichts mehr wollte, als zurück zu diesem Menschen zu gehen, der ich mal wahr: Ein enthusiastisches Kind, das kaum still sitzen konnte, weil es so viel Interessantes auf der Welt zu entdecken gibt, und so viel Freude, und Ruhe in dem Tun empfindet. In diesen Wochen war aber weder an Neugierde, Enthusiasmus, noch an jegliche Form der Begeisterung zu denken. Jegliches Tun hatte sich falsch angefühlt. Es hat sich angefühlt, als würde meine innere Leere mich ständig dazu drängen wollen, etwas Anständiges und Nützliches in den Augen der Gesellschaft zu tun. Mit intrinsischer Motivation hatte das nichts zu tun, es ging viel mehr darum meine Identität, die ich mir Jahre lang aufgebaut hatte, zu beschützen. Es war eine Identität, die zuvor selten auf Unverständnis und Mitleid traf, sondern viel mehr auf begeisterte Gesichter, auf Lob, und auf Anerkennung. Je mehr ich für mich persönlich entschlossen hatte Anerkennung für mein Tun abzulehnen, je mehr habe ich gemerkt, dass ich umso mehr nach Anerkennung für meine Person gesucht habe. Für eine Person, die gerne als gutmütig und sozial gesehen werden möchte. Aber vor allem eine Person zu sein, die von anderen gemocht und geliebt wird. Im gleichen Zug hat es auch bedeutet, dass ich in dieser Zeit oft meine eigenen Bedürfnisse hintenangestellt habe. Und wenn ich mich selbst übersehen gefühlt habe, dann wollte ich zumindest, dass sich die andere Person von mir gesehen und gewertschätzt fühlt. Ich wollte, dass sie sich angenommen fühlt, dass sie sich verstanden fühlt und vor allem, dass sie sich geliebt fühlt, für genau die Person, die sie eben ist. Je weniger Liebe ich für mich selbst fühlen konnte, desto mehr wollte ich, dass andere Menschen diese völlige Hingabe in meiner Gegenwart fühlen können. Eben diese völlige Hingabe verbunden mit diesem Gefühl von Geborgenheit, diesem Gefühl von Wohlwollen, diesem Gefühl von ich bin für dich da, diesem Gefühl von, hier darfst du sein, wer du bist. Und vor allem diesem Gefühl von, ich nehme mir Zeit für dich. Ich habe in dieser Zeit so eine tiefe tiefe Trauer und Hoffnungslosigkeit gespürt, dass ich vor mir nichts Positives sehen konnte. Das Einzige, was mir klarer denn je schien: In Momenten, in denen ich mich so sehr nach Hilfe und nach einem aufrichtigen Zuhören gesehnt hatte, schienen alle beschäftigt zu sein. Sie schienen beschäftigt zu sein, aber je näher ich hinguckte, desto mehr kam mir der Gedanke, vielleicht sind sie genauso überfordert, wie ich es bin. Vielleicht versuchen Sie auch nur tagtäglich ihrer eigenen inneren Leere zu entfliehen. Dadurch kann aber nie Raum entstehen, der genau das zulässt nach dem ich mich so sehr sehne: Eine menschliche Begegnung im Hier & Jetzt. Eine Begegnung, die keine Funktion erfüllt. Eine Begegnung, die nicht davongetragen wird, die eigene innere Leere verdrängen zu wollen. Eine Begegnung, in der es keine Tabus gibt.