Schwere einsichten vor meiner Abreise 

Nun hatte ich also meiner WG vermittelt, dass ich nicht länger dort leben möchte, weil ich reisen möchte. Als hätte das nicht gereicht, hat mich mein Mitbewohner dann noch gefragt, was denn der wahre Grund sei, warum ich ausziehen möchte. In dem Moment habe ich erstmal geantwortet, dass es keinen anderen Grund gäbe, als die Lautstärke der Straße und meinen Wunsch zu reisen. Ein wenig später habe ich aber den Entschluss getroffen, Ihnen zu erläutern, warum ich auch ausziehen wollen würde, wenn ich nicht hätte reisen wollen. Ich wollte ehrlich sein, auch wenn es bedeuten sollte, dass sie mich danach weniger mögen sollten. Ich wusste, ich könnte die Worte niemals aus meinem Mund bringen, wenn ich nicht einen Brief schreiben würde. Einen Brief, der es mir ermöglicht meine Sichtweise und Gefühle zu äußern, auch wenn es andere kränkt und verletzt. 
Also hatte ich uns alle zusammengetrommelt und vorgelesen:
Ich habe Ihnen gesagt, dass ich nicht mehr aus einer Angst heraus handeln möchte, nicht mehr aus einem Mangel herausgetrieben sein möchte. Ich möchte mich meinen Gefühlen stellen, ihnen Raum geben sein zu dürfen, ohne Sie in irgendeiner Form wegdrücken zu müssen. Und genau deswegen konnte ich nicht in der WG bleiben: Ich hatte den Eindruck, dass sich unser WG Leben überwiegend darum gedreht hat, Ablenkung von den eigenen Gefühlen zu finden. Diese Ablenkung konnte in ganz verschiedene Richtungen gehen: Bei dem einen war es das Studium, bei dem anderen der Joint, bei dem anderen ein ständiges Bedürfnis nach Nähe, bei dem anderen war es ein Unwohlsein mit Stille. Ich konnte mich und meine eigenen Muster auch so sehr in meinen WG-Mitbewohnern sehen, dass es für mich schwer war, mich von ihren Gefühlen abzugrenzen. Es hat mich tatsächlich unfassbar traurig gemacht, weil mich ihre Verhaltensweisen an genau die Zeiten erinnert haben, in denen ich meine eigenen Gefühle ständig selbst sabotiert habe, um gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden. Eine Zeit, der ich doch noch ganz frisch geschworen hatte, nicht zu ihr zurückkehren zu wollen. Gleichzeitig wusste ich, dass ich ein Mensch bin, der sehr leicht von seinem Umfeld beeinflusst wird, und vor allem eigentlich auch sehr harmoniebedürftig ist. Also war mir klar, wenn ich hier bleiben sollte, würde ich wieder in genau die gleichen Muster fallen, aus denen ich doch so unbedingt raus will. Als ich den Brief vorgelesen hatte, musste ich anfangen zu weinen, aber bis heute verstehe ich nicht ganz, warum ich weinen musste: tat es mir Leid für meine WG Mitbewohner, dass ich das WG Leben so wahrnehme, hatte ich Angst vor ihren Reaktionen, war ich erleichtert es ausgesprochen zu haben. Bis heute weiß ich es nicht.
Und dann war da noch meine Familie. Meine Familie, die ich doch ohnehin schon andauernd überfordere mit meinen ständig wechselnden Zukunftsplänen. Und jetzt hatte ich auch noch den Plan ohne Ziel auf Reise zu gehen, und mir mit Straßenmusik den Unterhalt zu verdienen. Den Traum, den sich die meisten Eltern wohl niemals für Ihre Kinder wünschen. Ich konnte aber nicht mehr anders handeln. Ich wollte nicht länger in Bücher oder Unis reingehen, ich wollte endlich rausgehen, um mir mein eigenes Bild von der Welt zu machen. Ich hatte es satt immer nur die zu sein, die Fragen stellt. Ich wollte endlich selbst durch meine eigenen Erfahrungen Antworten finden. Ich war endlich bereit Fehler zu machen, endlich bereit zu scheitern, und endlich bereit in den Augen einiger nicht mehr zu sein als ein bemitleidender Straßenmusiker, der es nicht geschafft hat. Ich wollte endlich lernen meinen Wert auch ohne Titel, Kleider, oder gepflegte Schuhe anzuerkennen. Mein Wert, der eben in nichts Geringerem liegt als meiner vollkommenen Authentizität. Mein Wert, der eben genau in der Person liegt, die ich bin, wenn es mir egal ist, was andere Menschen über mich denken. Ein Weg, der für meine Eltern anfangs schwer zu akzeptieren war: „Warum musst du denn immer etwas machen, das so anders ist? Warum kannst du nicht einfach mal was Normales machen?“ Nicht nur meine Eltern auch manche Kommilitonen haben meinen Wunsch subtil abgewertet: Zum Teil wurde er als eine Entwicklungsphase hingestellt, eine Phase, über die sie aber schon längst hinweggekommen sind. Es waren Reaktionen meines Umfelds auf die ich nicht vorbereitet war. Immer wieder kamen in der Zeit Rückfragen, dass ich doch auch dies und jenes machen könnte? Und was wenn…? Ich konnte stärker denn je wahrnehmen, wie viel Unsicherheit sich von meinen Verwandten auf mich übertragen hat.
Ich habe mich wieder angefangen selbst zu hinterfragen: Mache ich das wirklich nur, um etwas Besonderes zu sein? Ist es wirklich möglich von Musik zu leben? Während es mir doch selbst schon schwer genug fiel diesen mutigen Schritt zu wagen, wurden mir von manchen Seiten auch noch verbal Steine in den Weg gelegt. Dabei habe ich mir doch nichts mehr als Vertrauen und ermutigende, aufbauende Reaktionen gewünscht. Es war ein Zeitpunkt, an dem ich aber auch begriffen habe, dass ich mehr Selbstvertrauen aufbauen muss. Es hat mir gezeigt, dass die Reaktionen meiner Mitmenschen, mein Schiff noch zu sehr ins Wanken bringen. Ich bin mir sicher, vor ein paar Jahre hätten die gleichen Wellen mein Schiff noch zum Kentern gebracht.
Generell ist mir mehr und mehr klar geworden, dass sich manche Menschen fast schon persönlich angegriffen gefühlt haben, wenn ich ihnen von meiner Sichtweise oder meinen Vorhaben erzählt habe. Mehr und mehr habe ich gemerkt, dass viele Menschen angefangen haben ihren eigenen Weg vor mir zu rechtfertigen. Es wirkte auf mich fast so, als wäre es nicht in Ordnung, wenn zwei Wege nebeneinander existieren. Ich hatte auch den Eindruck, dass es vielen Menschen wichtig war, dass ihr Weg über dem der anderen steht: Als müsste ihr Weg, der Bedeutungsvollere, Wichtigere und Richtigere sein. Es hat in mir ebenfalls ein Unbehagen ausgelöst: Wenn ich zur Uni gehen könnte, wenn ich wüsste, dass dieses System gut mit mir als Mensch funktioniert, dann würde ich nichts lieber tun, als endlich mal dazugehören zu können. Endlich mal Teil einer Gruppe sein zu können, ohne die zu sein, die sich schon wieder nicht anpassen kann. Ohne die zu sein, die schon wieder unter dem ganzen Regelwerk zusammenbricht.
Ich hatte längst die Antwort zu all den abwertenden Reaktionen: Ich wusste, dass ich keine andere Wahl hatte. Abseits der Norm schien für mich, wie die einzige Möglichkeit, ich selbst sein zu können, ohne mich komplett verstellen zu müssen.
An dieser Stelle möchte ich aber auch ganz klar sagen, dass es genug Freunde und Bekannte gab, die mich von Sekunde 1 an ermutigt haben, genau dem nachzugehen, was ich fühle. All diese Menschen, die sich für mich mitfreuen konnten, weil ihnen klar war, dass Wege koexistieren können, ohne dass der eine über dem anderen stehen muss.
Im Nachhinein verstehe ich, dass all die Abwehrreaktionen gegenüber meinem Weg, gar nicht gegen mich gerichtet waren, sondern gegen ihre eigenen Ängste, Zweifel und Unsicherheiten. Es war ein Versuch ihres Unterbewusstseins, Gründe für ihr Handeln zu finde, auch wenn es auf Kosten ihrer eigenen Zufriedenheit sein sollte. Es war der Versuch ihres Unterbewusstseins, Sinn aus ihrer eigenen Unzufriedenheit zu schöpfen. Sinn daraus zu schöpfen, warum sie eben nicht ihrem Herzen folgen. Letztlich eben auch Sinn daraus zu schöpfen, den Weg anderer als egoistisch abzustempeln, denn sonst wären die Menschen ja frei genug, das zu tun, was sie so sehr lieben würden.

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