Ich hatte der Stadt Leipzig zuvor einen Antrag gestellt, um eine offene Bühne auf der Straße machen zu dürfen. Der Antrag wurde akzeptiert und eine Rechnung in Höhe von 60 Euro wurde ausgestellt XD Gleich Montag habe ich mich also wieder auf die Straße gestellt: Dabei hat mich vor allem berührt, dass die Menschen besonders bei meinen selbst geschriebenen deutschen Liedern stehen geblieben sind. Bei genau den Liedern, von denen ich lange dachte, dass sie nicht so gut ankommen würden, wie Covers von bekannten Liedern. Gleichzeitig habe ich Ivka getroffen, die mich gleich eingeladen hat mit ihr zur Open Mic Session zu gehen. Voller Euphorie bin ich auf den Zug aufgesprungen. Bei der Open Mic Session habe ich dann meine Couchsurfer von Leipzig getroffen: Ein junges Paar, das leider nicht sehr zufrieden mit dem Leben schien, weil die beiden aktuell auf Jobsuche waren. Leider konnte ich mich bei Ihnen nicht wirklich wohl fühlen. Schon immer ist Abgrenzung ein Problem für mich gewesen, und hier hat es sich erneut bestätigt: Wenn ich den Eindruck habe, dass es meinen Mitmenschen nicht gut geht, habe ich enorme Schwierigkeiten meine Momente der Freude aufrechtzuerhalten. Dazu kam noch, dass mit mir im Zimmer eine Hauskatze geschlafen hatte, die völlig unausgelastet war. Nachts ist mir die Katze dann irgendwann fast ins Gesicht gesprungen, und ich hatte irgendwann einfach nur noch Angst, weil die Katze so unberechenbar war. Nach zwei Nächten habe ich mich also wieder weiter auf den Weg gemacht: Ich wusste an dem Tag noch nicht, wo ich unterkommen würde, also bin ich einfach mal mit meinem ganzen Gepäck in den Park gegangen. Nachdem ich 20 Minuten mit meinen 20kg auf dem Rücken und der Gitarre angekommen bin, habe ich mich einfach nur erlöst gefühlt. Es waren genau die Gefühle, die ich mir von der Reise erhofft hatte: Eine Reise, die zwar mit sehr viel Anstrengung verknüpft ist, aber dadurch auch aus kleinen Momenten, Momente des höchsten Glücks entstehen. Genauso hat sich die Ankunft im Park angefühlt, als die Sonne geschien hat, und ich endlich das schwere Gepäck abladen konnte. Das schwere Gepäck, das ich tagtäglich mit mir rumtrage, und endlich loslassen konnte, weil nichts in diesem Moment wichtig war. Ich hatte alles, was ich brauchte meinen Raum zum Sein, zum Reflektieren und zum Wirken. Einen Raum, bei dem es mir so schwer fällt ihn mir zu nehmen, wenn ich unter Menschen bin. Im Park hat mich dann ein sehr interessanter junger Mann nach einem Taschentuch gefragt. Offensichtlich war er eigentlich am Joggen. Ich hatte mich zwar gefragt, warum er ein Taschentuch möchte, aber recht schnell waren wir dann auch ins Gespräch gekommen. Er hat mir erzählt, dass er auch Musik macht, er hat mir seine Lieder gezeigt, und ich war beeindruckt. Ich habe ihm dann von meiner Situation und meiner Reise erzählt. Daraufhin hat er mir angeboten, dass ich bei ihm unterkommen könnte, er hätte auch ein Gästezimmer. Dann musste er aber auch weiter, weil seine Mittagspause rum war. Nach kurzem Überlegen habe ich ihm dann geschrieben, dass ich gerne eine Nacht im Gästezimmer unterkommen möchte, falls es möglich ist.
Nachdem seine Arbeit vorüber war, bin ich also zu ihm. Nach kurzer Zeit dachte ich bereits: Krass, ich kenne keine Person, die so viel kann wie er. Er hatte einen Vollzeitjob als Informatiker, drei verschiedene Bachelorabschlüsse, seine Wohnung und Küche komplett selbst ausgebaut, und nebenbei noch Musik produziert. Und obwohl dieser Mensch offensichtlich so viele Talente und Fähigkeiten hatte, schien es mir, als würde er es selbst gar nicht sehen können. Vielmehr hat er seine Sachen gezeigt und bevor ich überhaupt reagieren konnte, hat er schon erklärt, dass er gerade erst noch dabei ist es zu lernen. Es war absurd für mich, dass er scheinbar so eine Angst vor meiner Bewertung hatte. Gleichzeitig hat er mir auch sehr gespiegelt, wie ich mich und meine eigenen Fähigkeiten lange heruntergespielt habe. Außerdem hat er mir erzählt, dass seine Eltern beide Doktoren sind und seine beiden Geschwister in die Wissenschaft abgetaucht sind. Nach seinen Aussagen leben seine Geschwister mehr für die Wissenschaft, als dass sie das Leben auch mal genießen würden. Genießen: ein Wort, das ich wahrscheinlich nie ganz verstehen werde. Meistens kann ich meinen Genuss leider nicht mit anderen Menschen teilen, weil meine Gefühlsintensität viel zu stark ist oder meine Glücksgefühle oft in anderen Momenten liegen:
Wenn Menschen ihr tiefstes Inneres mit mir Teilen, wenn ich in Augen gucke, die mir leuchtend von Erlebnissen oder Träumen berichten, wenn ich ein neues Lied oder Gedicht schreibe, wenn ich eine persönliche Wahrheit herausfinde.
Als Kind konnte ich nie verstehen, warum meine Eltern in den Urlaub fahren wollten. Irgendwann wollte ich nicht mehr mit, weil ich meinen Alltag doch genauso mochte, wie er eben war. Und im Urlaub konnte ich meinen Leidenschaften gar nicht nachgehen: Ich konnte weder Musik machen noch Fußball mit meinen Freunden spielen. Seitdem ich älter bin, mache ich eigentlich keine Urlaube für mich. Ich fahre in den Urlaub, damit ich meinen Freunden nahe sein kann, damit wir uns eben trotz der Distanz nochmal für ein paar Tage sehen können. Die Orte selbst haben mich aber eigentlich noch nie sonderlich interessiert.
In den Urlauben ist mir auch bewusst geworden, dass ich oft eine innere Leere spüre, und die Urlaube bei mir eigentlich gar nicht auf innere Resonanz treffen außer in dem Punkt, dass ich meine Freunde endlich wieder sehe. Während ich den Text hier schreibe fällt mir auch auf, dass ich im Urlaub fast jeglichen Aktivitäten gegenüber eine komplette Gleichgültigkeit habe: Meistens würde ich gerne intensiven Aktivitäten nachgehen, wie Kitesurfen oder Scubadiving. Aktivitäten, die anderen leider fast immer zu viel sind.
Außerdem schlummert da noch ein Bedürfnis, von dem ich mich nie getraut habe, es zu äußern: Auch im Urlaub mit Freunden brauche ich einfach mal Stunden ohne Zeitrahmen, in denen ich allein sein kann. Ein Bedürfnis, das ich lange als Zeichen für Egoismus gewertet habe, aber mittlerweile verstehe ich, dass ich einfach Zeit brauche, in der wirkliche Stille ist, in der ich all meine Wahrnehmungen einfach mal sortieren kann, und vor allem Abstand bekomme vom konstanten Input durch die Außenwelt. Trotz all dieser Empfindungen fällt es mir nach wie vor sehr schwer zu unterscheiden, ob ich mich wirklich nicht so gut über die alltäglichen Dinge freuen kann, oder ob es nicht doch auch ein Resultat der Leistungsgesellschaft ist. Eine Frage, die wahrscheinlich nie ganz abgeschlossen sein wird. Trotzdem spüre ich, dass mein Geist ständig irgendeiner Beschäftigung nachgeht, in der ich jegliches Empfinden für mich selbst verliere.
Zurück nach Leipzig: als er mir erzählte, dass seine Geschwister das Leben nicht wirklich genießen, hatte ich gleichzeitig den Eindruck, dass es ihm auch schwerfällt. Umso witziger, dass wir beide uns schnell darauf einigten einen Joint zu rauchen und eine Pizza zu holen. Den Abend haben wir dann einen Film geguckt, aber ich war so high, dass ich dem Film überhaupt nicht folgen konnte. An diesem Tag hatte ich auch meine Tage und wir sind uns nähergekommen, aber irgendwie habe ich dann einen inneren Widerstand gespürt. Leider habe ich mich nur getraut zu kommunizieren, dass ich wegen meiner Tage nichts weiteres möchte. Es ist eine Schwäche, an der ich arbeiten möchte. Es ist wahrscheinlich wie mit jeder menschlichen Tugend: Ich kann mich zwar in ihr üben, und versuchen möglichst nach ihr zu handeln, aber erreichen werde ich sie wahrscheinlich nie. Ufff, I love it: Erreichen werde ich Ehrlichkeit nie, weil das Konstrukt von dem Erreichen eines finalen Zustandes, genauso absurd ist, wie die Monetarisierung vom Egoismus in unserer Leistungsgesellschaft. Tugenden sind nun mal nicht messbar, ich kann sie zwar praktizieren, aber ich kann weder etwas gewinnen noch verlieren. Es ist eben kein Ziel, sondern ein Weg, den ich jeden Tag aufs Neue wähle. Auf meiner ziellosen Reise ging es also dann weiter zu einer alten Bekannten.