Es war keine Wahl: Berlin, war deutschlandweit die einzige größere Stadt, in der es noch möglich war, Straßenmusik mit Verstärker zu machen, ohne eine Lizenz zu benötigen. Untergekommen bin ich durch Couchsurfing bei einem Mann, der mit Kindern mit Down Syndrom an Zirkusshows gearbeitet hat. Glücklicherweise war sein Zimmernachbar gar nicht da, also hatte ich sogar mein eigenes Zimmer. Voller Vorfreude hab ich mich auf den Weg zum Alexanderplatz gemacht: Ich wollte endlich einfach mal ins kalte Wasser mit all seinen Herausforderungen. Am ersten Tag ist es gleich daran gescheitert, dass ich es nicht hinbekommen sollte, meinen Notenständer aufzubauen. Nach dem ich 10 Minuten versucht hatte ihn zu entklirren, habe ich aufgegeben: Ich habe mich zu unwohl gefühlt, um länger dazustehen und wie ein Idiot auszusehen. Aber das gehört eben auch dazu: Die Angst vor sozialer Bewertung überwinden. Am zweiten Tag habe ich mich also nochmal auf den Weg gemacht. Gleichzeitig ist mir aber auch aufgefallen, dass ich mich eigentlich zu müde gefühlt habe. Zu müde, um diesen anstrengenden Weg in der Bahn, auf mich zu nehmen: zu müde für diese Lautstärke, für all diese Gesichter, für all diese Reize, die mein System überfluten. Es war etwas, das ich mir aber noch nicht eingestehen wollte. Also habe ich einen Kaffee getrunken, der mir den nötigen Antrieb gegeben hat. Wieder bin ich zum Alexanderplatz, und wieder sollte ich enttäuscht werden: Der Platz, auf dem ich spielen wollte, war bereits besetzt. Ich fahre also weiter zur Warschauer Straße, auch der Platz ist besetzt. Die anderen Plätze haben sich für mich nicht lohnenswert angefühlt: Es war entweder direkt an der Straße oder im Niemandsland. Mir war aufgefallen, dass ich oft weitergefahren bin, weil mir die Orte nicht ideal genug erschienen. So, habe ich also mehr Zeit in der Bahn verbracht, um den perfekten Ort zu finden, anstatt wirklich einfach mal Musik an der Straße zu machen, unabhängig von den Bedingungen. Es war wie eine Lüge vor mir selbst: Ich hatte auf die perfekten Bedingungen gewartet, um starten zu können. Auf die perfekten Bedingungen, die aber nie kommen werden. Auf die perfekten Bedingungen, auf die ich im schlimmsten Fall bis zum Tag im Sterbebett warte. Am nächsten Tag war ich bereits ein bisschen genervt von mir und dieser Beobachtung. Nun sollte es aber auch einen Tag Pause dazwischen geben, denn obwohl ich nicht gespielt habe, haben diese Tage sehr an meinen Kräften gezehrt. Also bin ich mit meinem Couchsurfer bei 30 Grad zum See Krumme Lanke. Dort habe ich gemerkt, wie er sich mir körperlich nähern wollte. Ich habe vor allem Angst empfunden, weil meine Unterkunft in Berlin ja von ihm abhing und ich ihn als Menschen noch gar nicht einschätzen konnte. Nachdem ich es aber kommuniziert habe, hat er meine Grenzen vollständig respektiert und wir haben uns wie gute Freunden verstanden. Alle guten Dinge sind drei: Am dritten Tag wollte ich kleine Brötchen backen. Ich bin zum Steglitzer Markt gefahren, um zu spielen. Dort sind zwar keine Touristen, aber ich wollte einfach endlich mal anfangen, ohne bangen zu müssen, dass der Platz schon wieder belegt ist. Ich habe meine Sachen aufgebaut, und gespielt. Die ersten 15 Minuten vergangen. Keiner hat wirklich zugehört, aber nach einiger Zeit hat der Marktverkäufer einen Daumen hoch gezeigt. Ein Bild, das sich wahrscheinlich durch meine gesamte Uni-/Schullaufbahn gezogen hat. Zwar von außen bestärkt, aber innerlich am kaputt gehen durch meine eigene Stimme: Sie hat mich wie immer klein geredet und fertig gemacht hat, aber ich bin diesmal stehen geblieben, ich wollte ihr keine Bedeutung schenken, ich wollte ihr nicht Recht geben. Ich wusste, dass es nichts bringt sie zu bekämpfen, aber ich wollte nicht länger, dass diese Angst mein Leben und Verhalten bestimmt. Also, bin ich stehen geblieben in meinem eigens konstruiertem Sturm. Dann habe ich irgendwann wahrgenommen, wie eine ältere Frau neben mir Platz genommen hat, um zu zuhören. Wenig später sind wir ins Gespräch gekommen. Ich hatte gespürt, dass Marianne so viel Teilen wollte, und so viel zu teilen hatte. Ich habe ihr Raum gegeben sich zu öffnen und vom einen zum anderen Mal haben ihre Augen wieder angefangen zu leuchten. Da war also die 89-jährige Marianne, die mir erzählt hat, dass sie auch eigene Lieder schreibt, die ihre Freunde immer zum Weinen bringen. Sie lud mich ein zu sich nach Hause. Genauso habe ich mir das Leben vorgestellt, von der Straße, der vermeintlichen Bühne, zu dem Kontakt mit authentischen Menschen.
Ein paar Tage später war ich also bei der Marianne in der Küche. Direkt neben dem botanischen Garten hat sie wie eine Königin in einer wunderschönen Altbauvilla gewohnt. Marianne hatte schon alles parat: ihre Gitarre, ihre Noten und ihre Lieder lagen bereits auf dem Küchentisch. Gleich das erste Lied hatte mich zutiefst berührt: No time, there is no time. No time for loving, no time for dying, no time, there is no time. Ein Gefühl, das sich wahrscheinlich von Generation zu Generation trägt und obwohl meine Generation, mehr Zeit hat als jede andere zuvor, existiert dieser Konflikt mehr denn je. Die Technik, die doch zunehmend geschaffen worden ist, um Zeit zu schaffen, hat für mich vor allem ein Bild geschaffen: Zwei Menschen, die sich zwar gegenüberstehen, jedoch durch ihr Display getrennt voneinander sind. Obwohl das Bedürfnis hochzugucken größer als alles andere ist, ist der erste Impuls eben aufs Handy zu schauen. So haben wir mittlerweile mit unseren Geliebten mehr Kontakt über das Display als in Person. Natürlich liegt es in der Hand jedes Menschen, wie er die Technik nutzt, aber unsere Gesellschaft hat in meinen Augen jeglichen gesunden Umgang damit verloren. Statt zu einer Verbindung führt es eben viel mehr zur Vereinsamung und der Illusion, dass auch unserer Generation die Zeit fehlen würde für tiefe, ehrliche, menschliche Verbindungen. Während Marianne die Lieder vor Jahren geschrieben hat, haben sie stets intergenerationale Konflikte angesprochen. Sie hatte auch ein Lied über ihren verstorbenen Ehemann an all die Witwen dieser Welt geschrieben. Ein Lied, das uns beide zu Tränen gerührt hat. Sie hat mich gefragt, was ich denn eigentlich in Berlin mache ohne Unterkunft, ich hatte ihr geantwortet, dass ich meine Freunde besuchen und Straßenmusik machen möchte. Als sie davon gehört hatte, hat sie mit mir geteilt, dass sie damals als Lehrerin verbeamtet werden sollte und vor lauter Angst nach Frankreich geflohen ist. Innerlich hat sie sich schon immer wie ein Freigeist gefühlt, und irgendwann konnte sie nicht mehr anders als von dieser Rolle als Lehrerin fliehen. In Frankreich hat sie dann ihren Mann kennengelernt. Sie hat mir erzählt, dass sie wie im Paradies gelebt hat. Sie hat mir erzählt, dass jeder Ort ein Paradies ist, das es uns manchmal nur schwerfällt, es zu sehen. Ich mochte diese Worte und ganz tief im Inneren habe ich auch dran geglaubt. Gleichzeitig wusste ich aber, dass ich erst einmal selbstständig meinen Weg gehen möchte, bevor ich schon wieder versuche irgendwo anzukommen. Dann kam ihr nächstes Lied, das mich wirklich sprachlos gemacht hat und zutiefst rührte: Und wenn ich in den Spiegel schau, dann sehe ich eine mir fremde Frau. Als wir über das Lied ins Gespräch gekommen sind, haben ihre Augen gestrahlt. Da war die 89-jährige Marianne und hat mir erklärt, dass sie sich nicht alt fühlt. Sie fühlt sich immer noch wie das kleine Kind, wie der Freigeist, wie eine junge Seele, die noch längst nicht mit dem Leben abgeschlossen hat. Kurz später kam eine Person, zu der sie eine interessante Dynamik hatte: Marianne hatte mir erzählt, dass sie ihre Haushalterin ist, und Marianne sie als Freundin ansieht ihre Haushälterin das aber nicht möchte. Kurz später konnte ich verstehen warum. Während sie mit mir sehr lieb gesprochen hat, hat sich ihr Ton auf einmal geändert als ihre „Freundin“ kam. Ich konnte auf einmal einen stark befehlerischen Ton wahrnehmen. Einen Ton, den ich nur allzu gut aus meinem Familienhaus kannte. Beim Schreiben fällt mir auf, wie ich dieses Detail gerne weglassen würde, weil es eben ansonsten so eine schöne Geschichte wäre, aber darum geht es hier eben nicht. Es geht nicht um irgendein Ideal, weder um einen „idealen“ Menschen noch um eine „ideale“ Geschichte. Ich möchte von den Orten, Situationen und Menschen genauso berichten, wie ich sie nun mal wahrnehme und auch genau dafür annehmen. Am Ende hatte mich Marianne noch gefragt, ob ich nicht in Berlin bleiben will. Sie würde viele Menschen kennen, die gerne mit mir Musik machen würden, Zeit verbringen wollten, und auch gut zahlen würden: Und außerdem könnten wir auch zusammen unsere Lieder auf der Straße spielen. So berührend dieses ganze Treffen für mich war, so wusste ich auch, dass ich mir und meinem Weg treu bleiben möchte. Ich wollte meiner eigenen Stimme weiter folgen, auch wenn es bedeuten sollte, dass es andere Menschen ein wenig traurig stimmen würde.
Bevor es weiter nach Leipzig ging, spielte ich also noch einmal vor dem Kaufhaus in Steglitz. Nach diesen Sessions habe ich mich immer so beflügelt gefühlt. Es war für mich wie ein High, von dem es schwer war runterzukommen. Es war unfassbar erfüllend und zufriedenstellend. Aber was ist dieses es? Ist es die Straßenmusik selbst? Ist es die Resonanz? Ist es ein Eigenstolz für meine Mut? Ist es das Überkommen meiner Angst? Ich weiß es noch nicht, aber je mehr ich damit herumexperimentieren werde, desto klarer werde ich sehen können.
Jedenfalls war für mich nach diesen Momenten im besten Sinne alles egal. Es war mir egal, wie laut die Straßenbahn war, in der ich nun zurückfahre. Es waren Momente, in denen mich nicht viel erschüttern konnte, weil ich mich innerlich so gefestigt gefühlt hatte. Ich habe mich innerlich so zufrieden gefühlt. Es war eine innere Zufriedenheit, die auch dadurch entstanden ist, dass ich genau der Mensch war, der ich bin, wenn ich stärker bin als meine innere Stimme, die mich so unbedingt klein halten möchte. Es war eine innere Zufriedenheit, die entsteht, wenn meine Worte und mein Handeln übereinstimmen. Es ist eine Integrität, die zulässt, dass ich mich die Tage danach mit bestem Gewissen entspannen kann, ohne wieder vor mir selbst weglaufen zu müssen.
Nun stand aber auch schon wieder der nächste Stop an: Leipzig.