Von der Paralyse zur Aussprache 

Es waren die letzten zwei Woche vor der Abreise. Es sollten nochmal 14 Tage daheim sein mit meiner Schwester, meinem Vater, und meiner Mutter. Ich habe gemerkt, wie ich schon echt eine bestimmte Rolle in unserer Familie eingenommen hatte, und wie schwer es mir gefallen ist, mich davon zu lösen, mich abzugrenzen, ohne Schuldgefühle zu entwickeln. Eine Situation war ein Paradebeispiel für meinen inneren Konflikt zwischen Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein gegenüber meinem Wunsch Musik zu machen. Ich hatte Klavier gespielt, und wie so oft ist jegliches Zeitgefühl verschwunden. Irgendwann wurde ich dann darauf aufmerksam gemacht, dass es doch nicht gehen würde, dass ich jetzt schon wieder so viele Stunden nur Musik mache. Ich müsste doch auch mal rausgehen an die frische Luft. Es sei kein Wunder, dass es mir mental so schlecht gehe, wenn ich so unausgeglichen lebe. Es waren Sätze, die mich getroffen, aber keineswegs verwundert haben. Ich konnte es ja nachvollziehen und ein Stück weit als Wahrheit ansehen. Im gleichen Zug konnte ich nicht anders als folgenden Gedanken zu lassen: Mir wird hier vermittelt, dass ich zu viele Stunden mit meiner Musik verbringen würde, während die gleichen Menschen definitiv mindestens genauso viel Zeit, wenn nicht mehr in ihrem Job verbringen. Ich habe mich früher oft schlecht gefühlt, wenn ich innerlich wusste, dass ich an manchen Tagen viel lieber Musik machen wollte, als so viel Zeit mit anderen Menschen zu verbringen. Ich habe mich für dieses Bedürfnis geschämt und mich als egoistich gesehen. Rückblickend sehe ich vor allem, dass meine Musik eigentlich nur von meiner Mutter anerkannt worden ist. Ich selbst hatte meine Musik viele Jahre vor allem als ein Prokrastinieren abgestempelt. Ich dachte, dass ich Musik eben nur mag, weil es ein Weg ist, um den wirklich wichtigen Dingen, die im Leben nun mal zählen, auszuweichen. Genau in diesem Satz liegt schon die ganze Antwort: Nie wollte ich mich freiwillig mit zählbaren Dingen, mit Materiellen Dingen im Leben beschäftigen. Es war etwas, das mir von der Gesellschaft, als das Essenziele beigebracht worden war. Seitdem ich aber anfange Musik als etwas Essenzielles anzusehen, und meine Leidenschaft nicht länger verleugne, hat sich auch die Haltung meiner Familie gegenüber meiner Musik verändert, wofür ich unfassbar dankbar bin. Wenn meine Wahrnehmungen nur ein Spiegel meines Inneren sind, dann muss ich halt genau da anfangen: Bei mir. Ich musste anfangen mich selbst für meine Musik anzuerkennen, bevor ich irgendein Lob wirklich annehmen konnte. Bevor ich mir erlaubt habe dieses Feedback anzunehmen und dieses schöne Gefühl zuzulassen. Dazu gehört eben auch: Spüren zu dürfen, wie ein anderer Mensch seine Bewunderung für meine Person ausdrückt. Vor wenigen Wochen wäre das bei mir noch auf Abstoß meiner inneren Stimme getroffen, die überhaupt keinen Stolz zugelassen hätte. Meine innere Stimme, die egal was ich auch getan habe, mir weiter eingetrichtert hätte, dass ich das gar nicht verdient habe. Nun hat es sich geändert, und so auch das Interesse meiner Eltern für meine Musik. Ein Satz aus der Vergangenheit, an den ich mich noch sehr klar erinnere war folgender: Was erhoffst du dir eigentlich mit dem stundenlangen Gitarrenspiel? Erst war ich verblüfft von diesem Kommentar, aber im Nachhinein bin ich froh, dass ich mein eigenes Interesse trotzdem weiterverfolgt habe. Nun klingen die Kommentare auch schon ganz anders und ich werde wirklich sehr doll für meine Entscheidung respektiert und vor allem auch unterstützt. Ich kann fühlen, wie sich meine Eltern mit mir freuen, wenn ich von meinen Erfolgen erzähle, und wie sie mich aufbauen in Momenten, in denen Sorgen und Zweifel überwiegen. In den letzten Tagen vor der Abreise konnte ich aber auch fühlen, dass meine Mama schon auch sehr besorgt und ängstlich war. Was ich aber noch mehr fühlen konnte als die Angst in meiner Familie, war meine Wut. Es waren meine eigenen Gefühle und Bedürfnisse, die ich wahrscheinlich zum ersten Mal klarer wahrnehmen konnte als die ganzen Erwartungen und Bedürfnisse meiner Mitmenschen. Meine Wut wollte mich wieder zum Aktionismus führen: Sie hat gespürt, dass ich die letzte Woche zu Hause war, ohne meinem Traum einen Schritt näher zu kommen. Also bin ich wieder wütend aufgewacht, so lange bis ich endlich los bin. Bis ich endlich los bin von meinem Zuhause, von meiner Herkunft, von meiner Familie, um meinen eigenen Weg zu gehen. Dieser Weg sollte in Berlin starten.

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