Nancy: Station der Solitude

Von meiner Freundin aus Osna kannte ich genau eine einzige Person in Nancy vom Sehen. Also hatte ich mich schon vorab darauf eingestellt, die meiste Zeit alleine zu verbringen, um einfach mal wieder zu mir zu kommen. Angekommen in Nancy habe ich mich dann aber erstmal nach 4 stündiger Fahrt direkt auf die Straße gestellt. Es war bisher einer meiner Lieblingsmomente auf meiner Reise: Die Sonne war am Scheinen, die Menschen waren gut gelaunt, und in genau der Stunde, in der ich Straßenmusik machte, habe ich dann auch noch die einzige Person, die ich in Nancy kenne, zufällig getroffen. Es war so ein schöner Zufall, so eine schöne Überraschung, und genau diese Lebendigkeit, für die ich auf dieser Welt bin. Ansonsten habe ich in der Zeit in Nancy ganz intensiv an der Aufnahme von zwei Liedern gearbeitet, viel Yoga gemacht, meditiert, viel Zeit damit verbracht Spaziergänge zu den TooGoodToGo Tüten zu machen und endlich mal wieder mit Freunden telefoniert. Bei der einstündigen Straßenmusiksession hatte ich auch ein Mädchen kennengelernt, das aktuell AuPair in Nancy machte bei einer Familie mit zwei Chirurgen Eltern. Als sie mir von ihrer Erfahrung berichtete, kam ich nur ins Stutzen, ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. Ich konnte und wollte es auch nicht glauben, weil ich es so schlimm fand. Ich fand es so absurd: Diese Familie hat in einem Wohlstand gelebt, der ihren Kindern alles hätte ermöglichen können, aber die Eltern hatten nichts Besseres zu tun als ihren Kindern ihrer Kindheit zu berauben. Sie hatte mir erzählt, dass die Woche der Kinder perfekt von den Eltern durchgetaktet ist. Auf die Bedürfnisse der Kinder wird dabei aber keine Acht genommen. Auch wenn die Kinder fast schon einschlafen beim Lernen, wird das nicht als Signal zum Pause machen gewertet, sondern als Signal zur nötigen Zähmung. Sie müssen halt lernen sich durchzubeißen. Sie sollen gefälligst, das tun, was die Eltern Ihnen sagen. Sie sollen gefälligst, das tun, wofür sie am meisten Anerkennung in der Gesellschaft kriegen: Leistung erbringen. Falls nette Worte nicht mehr gegen die Bedürfnisse der Kinder ankommen, dann muss eben Gewalt her, um die Kinder für die Perfomance zu adressieren. Es waren also Kinder, die keine andere Funktion erfüllen sollten, als das Ego der Eltern zu erweitern. Als ich von dieser Geschichte hörte, war ich umso dankbarer für meine Kindheit: Eine Kindheit, in der ich ohne weiteren Nutzen Fußball, Gitarre, Lego, oder Playmobil spielen durfte. Zurück nach Nancy: Die einzige Person, die ich in Nancy kenne, hatte zur WG-Party eingeladen. Auf der Party war ein Mädchen, das zu hundert Prozent mein Typ ist. Trotzdem konnte ich gefühlstechnisch gar keine richtige Verbindung zu ihr aufbauen. Im Kopf war ich ich zu sehr damit beschäftigt war, dass ich meine Bekannte in zwei Wochen wiedersehen werde. Meine Bekannte, mit der ich diese schönen Erinnerungen der Intimität hatte.  
Bevor wir uns aber wiedersehen sollten, ging es weiter zu Freunden nach Paris.

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