dillingen: station transgenerationaler angst

Von vornherein wusste ich, dass die Tage bei meinen Großeltern nicht einfach sein werden. Gerade mein Opa ist keineswegs überzeugt von meiner Straßenmusikidee und versucht mich bei wirklich jeder Gelegenheit davon abzubringen. So sollte es auch wieder sein. Am vorletzten Tag durfte ich mir also wieder eine drei-stündige Predigt darüber anhören, warum es denn nun wirklich keine gute Idee sei. Nach diesen Tagen war ich innerlich so wütend. Ich war wütend, weil ich das Gefühl hatte, dass da nicht mal die kleinste Portion Vertrauen von meinem Opa kam. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass er mit jedem Mittel daran festhalten wollte mich umzustimmen. Als wäre ich nicht schon sowieso ein Mensch, der viel nachdenkt, grübelt und oft in Worst Case Scenarios denkt, bevor sie überhaupt eintreten, hat mein Opa mich dann auch noch auf Gefahren aufmerksam gemacht, über die ich bis dahin nicht mal nachgedacht hatte: Es könne ja durchaus vorkommen, dass ich bestohlen werde, wenn ich so viel Bargeld mit mir nach Hause trage. Nach dem Aufenthalt habe ich mich bewässert gefühlt, aber nicht mit Vertrauen und Wärme, sondern mit Ängsten und Geld. Es fällt mir wirklich schwer diese Zeilen zu schreiben, aber so hat es sich für mich angefühlt und es macht auch durchaus Sinn für mich. Es macht Sinn für mich, dass vor allem ängstlichere Menschen, einen Haufen Geld ansammeln müssen, um sich gegen jeden Fall absichern zu können. Um sich absichern zu können gegen all die Risiken dieser Welt, aber gleichzeitig auch gegen all die Wunder dieser Welt. Eine Absicherung ist letztendlich auch nur ein selbst entworfenes Schloss für Risiken. Wir verschließen uns also vor Risiken, und vergessen dabei, dass jedes Risiko auch seine Chancen birgt, die wir aber ebenso verschließen. 
Diese Dynamik der Absicherung ist glaube ich auch einer der Gründe, warum sich alles so sinnlos für mich anfühlt in einem komfortablen Leben. Es fühlt sich für mich wie ein Leben an, das all den Möglichkeiten gegenüber verschlossen ist. Genau dieses Empfinden habe ich auch häufig, wenn ich Menschen von meinen Plänen für mein Leben berichte. Ich empfinde es zunehmend als beengend, weil ich fast immer auf ablehnende, belächelnde Reaktion stoße. Es tut weh. Es ist eine innere Trauer, die mich durch mein Leben begleitet. Eine innere Trauer, weil ich nur selten Menschen treffe, die sich auch in der Welt der Möglichkeiten zu Hause fühlen. Dort fühle ich mich geborgen, dort fühle ich mich wohl, dort fühle ich mich lebendig: ich kann eben alles fühlen und alles zulassen, weil ich mich nicht vor Risiken schützen muss. Früher ist meine Trauer stärker gewesen als meine Wut, aber seit mich meine Wut gezwungen hat meinen Weg zu ändern, nehme ich sie stärker denn je war. Ich merke, dass ich oft Wut empfinde, wenn ich so scheinbar ganz normale aka gesellschaftlich akzeptierte Sachen tue. Alleine heute als ich auch nur kurz auf Instagram war, habe ich direkt so eine Wut empfunden: Ich war so wütend, auf all diese Creator die dieses Spiel mitspielen. All diese perfekt inszenierten Videos. All diese Clips, in denen keine Note falsch gesungen wird, keine Gitarrensaite zu stark gezupft wird, und keine Spur von Menschlichkeit mehr zu finden ist. Es macht mich wütend, wie viele Menschen damit machen. Noch wütender macht mich, dass ich es wahrscheinlich auch tun müsste, wenn ich eines Tages von meiner Musik leben möchte. Dabei bin ich nicht mal auf die einzelnen Menschen wütend, die ich dann sehe, sondern auf den Einfluss der Technik auf unsere Gesellschaft, und unsere Art und Weise zu leben, die für mich immer abstoßender wird.
Es ist ein Konflikt, der mich leider schon viel zu lange begleitet ein Konflikt zwischen zwei Bedürfnissen, die ich in dieser Gesellschaft noch nicht gleichzeitig befriedigen konnte: Mein Bedürfnis nach Integrität und mein Bedürfnis nach Zugehörigkeit.
In der Vergangenheit war mein Bedürfnis nach Integrität verletzt, dafür konnte ich aber wenigstens dazugehören. Aktuell ist mein Bedürfnis nach Zugehörigkeit verletzt, dafür kann ich aber wenigstens meine Integrität bewahren. Tief in meinem Inneren schlummert nämlich noch diese Hoffnung, dass ich nur lange genug stark bleiben muss, um auf Menschen zu treffen, denen Integrität auch wichtiger ist als Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft.

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