In Paris habe ich ein Mädchen besucht, dass ich im buddhistischen Kloster kennengelernt habe. Damals hatte ich ein totales Interesse an ihr als Person verspürt. Sie hatte damals eine totale Wärme auf mich ausgestrahlt. Ich war sehr gespannt auf unser Wiedersehen. Gewohnt hatte sie in einer Wohnung von ihren Eltern, die im Kern von Paris direkt neben dem Louvre war. Eine Gegend, in der das Wohnen so teuer ist, dass es für den Großteil der Menschen unbezahlbar ist. Von ihrem Wohlstand hatte ich anfangs allerdings gar keine Ahnung. Ich habe es erst gecheckt, als ich in der Wohnung angekommen bin und sie mir ein bisschen von der ganzen Situation geschildert hatte. Sie hat mir erzählt, dass sie sich lange Zeit schuldig gefühlt hat. Viele Jahre hat sie auch diese Stimme verfolgt, dass sie es eigentlich gar nicht verdient hat. Mittlerweile empfindet sie aber Dankbarkeit für ihre Privilegien.
Für mich war es irgendwie emotional auch eine total aufwühlende Situation. Zu dieser Zeit hatte ich nämlich selbst noch totale Schamgefühle gegenüber meinen Privilegien. Dieses Gefühl war sicherlich auch ein Grund, warum ich endlich raus wollte, warum ich nicht länger einfach nur mein Privileg ausleben wollte. Ich wollte verstehen, wie es ist kein Zugang mehr zu diesem Privileg zu haben. Gleichzeitig hatte ich aber noch nicht den nötigen Mut, um finanziell unabhängig von meinen Eltern zu sein. Und dann war da meine Freundin aus dem Kloster, dreimal die Woche hatte sie für das Atelier ihrer Mutter gearbeitet und ansonsten hatte sie Freizeit, in der sie oft Kurse genommen hat, um ihrer Leidenschaft dem Theaterspielen nachzugehen. Nach ihren Aussagen würde sie am liebsten irgendwann mal eine eigene Theaterschule aufmachen und mit ihrem Fahrrad rumreisen. Ich habe mich gefragt, was sie denn noch davon abhält und es erschien mir fast so als wäre es der Wohlstand ihrer Familie. Ein Wohlstand, der alle Möglichkeiten der Welt bietet. Ein Wohlstand, der fast keine Grenzen hat. Ein Wohlstand, der maximale Freiheit bietet. Ein Wohlstand, der sich aber auch unfrei anfühlen kann, wenn jegliche externe Notwendigkeit fehlt, handeln zu müssen. Es kann eben auch Wohlstand sein, der uns in unseren Ängsten gefangen hält, da die externe Notwendigkeit etwas zu verändern schlichtweg nicht da ist. Es ist dann zwar nicht der Wohlstand der unfrei macht, aber er kann sehr wohl dazu dienen Konfrontationen zu vermeiden. Also bedeutet Wohlstand nur dann auch Freiheit, wenn die Menschen bereit dazu sind, Verpflichtungen zu wählen. Wenn der Sommer nur Sinn hat, weil es den Winter gibt. Dann existiert Freiheit nur da, wo es auch Verpflichtungen gibt. Und obwohl sie ihrer Mutter bei ihrer Arbeit geholfen hat und auch selbst getöpfert hat, erschien mir ihr Leben wie ein endloser Sommer: reizlos und richtungslos.
In diesen Tagen habe ich auch gemerkt, wie ich mich insgesamt mit der ganzen Situation unwohl gefühlt hatte. Ich habe mich irgendwie nicht aufrichtig für sie interessiert, wodurch ich Schuldgefühle hatte, weil ich bei ihr ja untergekommen bin. Gleichzeitig habe ich auch gemerkt, wie mich dieses komfortable sichere Leben einfach wütend gemacht hat. Wütend, weil es nicht das ist, was ich für mein Leben wollte.
Ich hatte gemerkt, dass ich doch nicht so lange bleiben konnte, wie anfangs gedacht. Also bin ich weiter zu einer meiner besten Freundinnen aus der Erasmus Zeit.