In Mannheim bin ich dann bei einer meiner besten Freundinnen untergekommen. Es war so schön in ein gewohnteres Umfeld einzukehren mit Menschen, bei denen ich weiß, woran ich bin. Gleichzeitig hat meine Freundin in einer WG gelebt, dessen WG-Leben mich erschüttert hat: Es hatte fast nichts mit einem gemeinsamen WG-Leben zu tun, hier hatte jeder seine eigenen Verpflichtungen, seine eigenen Freundeskreise, seine eigenen Teller, sogar seine eigenen Gewürze. Wahrscheinlich ist es auch das Resultat einer Ära, in der Menschen vermeintlich unabhängig sein können.
Dabei glaube ich stark, dass sich die Abhängigkeiten einfach nur deutlich verschoben haben: Früher waren Menschen noch voneinander abhängig, sie mussten lernen miteinander auszukommen. Heutzutage kann jeder Mensch unabhängig von anderen Menschen werden. Die Unabhängigkeit ist in den meisten Fällen aber nichts als eine Illusion, denn nun sind sie umso mehr abhängig von ihrer Arbeit. Das ist eben auch eine Seite der Emanzipation, Frauen sind unabhängiger von Ihrem Mann, aber dafür umso abhängiger von ihrer Arbeit. Bei all den Abhängigkeiten macht mir eine Beobachtung ein wenig Angst: Unsere neuen Freiheiten bedeuten zwangsläufig neue Abhängigkeiten. Allerdings waren die Abhängigkeiten noch nie so konzentriert. Noch nie war die Nahrungsbereitstellung so abhängig wie von einigen Großkonzernen. Noch nie war die Technik so abhängig wie von einigen Großkonzernen. Während wir also unabhängiger von anderen Menschen werden, werden viele von uns umso abhängiger von den Produkten, Dienstleistungen und zum Teil auch von den Jobs der Großkonzerne. Gleichzeitig kann diese moderne Entwicklung aber auch Menschen dazu befähigen, sich aus toxischen Familienstrukturen befreien zu können.
Vom Diskurs zurück nach Mannheim: was liegt da wohl näher als Straßenmusik in der hochtouristischen Stadt Heidelberg zu machen. Heidelberg hört sich zwar auf den ersten gut an, aber schnell musste ich feststellen, dass die Stadt super strenge Regeln aufgestellt hatte. Ich war mit Christin unterwegs, um einen Spot zu finden, an dem ich Straßenmusik machen durfte. Insgesamt gab es genau fünf festgelegte Orte, an denen du nur in einem Zeitfenster von zwei Stunden für jeweils eine Stunde spielen darfst. Von diesen fünf ausgewählten Orten, waren zwei total zu vergessen, weil die Standorte direkt an der Straße waren.
Diese Tatsache hat mich mal wieder sehr irritiert. Es hat mich innerlich wieder aufgewühlt, sowohl wütend als auch traurig gemacht. An diesem Tag hatte ich letztendlich dann auch gar nicht mehr gespielt, weil die drei bespielbaren Spots alle belegt waren. Mein Kopf war schon wieder am kämpfen. Ich war schon wieder in einer Widerstandshaltung. Ich wollte es einfach nicht akzeptieren, dass in Deutschland mittlerweile so viel reguliert ist und kaum Spielraum bleibt. Allerdings hat es mich noch wütender gemacht, dass ich in meinem Vorhaben schon wieder gebremst wurde. Ich wollte doch so unbedingt meine Ängste überwinden, Menschen daran erinnern mutig zu sein, und endlich auf meine innere Stimme vertrauen. Und als wären da nicht genug Bekannte, die meinen Weg belächeln und andauernd infrage stellen, sind da nun auch noch all diese neuen Herausforderungen, die gesetzlich verankert sind.
Es war so demotivierend, und es hat den Wunsch in mir bestärkt umso mehr in ein weniger reguliertes Land ziehen zu wollen. Und als würde Heidelberg Straßenmusik nicht schon unattraktiv genug machen, hat sich die Stadt Mannheim gedacht, wir legen noch einen drauf. Während du in Heidelberg zumindest noch die Ehre hast kostenlos auf den Straßen spielen zu dürfen, darfst du in der Stadt Mannheim eine Gebühr von 17,40 Euro pro Tag zahlen. Naja…. von diesen ernüchternden Auflagen wollte ich mich aber nicht geschlagen geben. Also bin ich eine Stunde bevor man überhaupt spielen darf am besten Spot angekommen, und siehe da: Es waren schon zwei Menschen vor mir da. Zwei Menschen, die beide ihren eigenständigen Act hatten, der nach Heidelberger Regeln eine Stunde nicht überschreiten durfte. Also war der Spot, der nur für zwei Stunden am Tag geöffnet ist, auch schon vollständig belegt für den Tag. Zum Glück konnte ich zumindest an der anderen Stelle noch spielen nachdem ich etwa eine Stunde wartete, bis der Akkordeonspieler vor mir fertig war bzw. aufgrund der zeitlich begrenzten Spieldauer von einer Stunde aufhören musste. Dann durfte ich also endlich mit meiner Gitarre und meinem Gesang auftreten, der leider kaum zu hören war aufgrund der Lautstärke in der Stadt. So war also wieder ein Tag vorbeigegangen. Ein Tag, an dem ich genau 17 Euro verdiente. An spätestens diesem Tag wurde mir klar, nein ich tue das nicht für Geld, nicht für monetäre Anerkennung, sondern wirklich für meine eigene Anerkennung mir gegenüber. Eine Anerkennung dafür, dass ich ich mich wieder getraut habe, meine Angst vor sozialer Bewertung zu überwinden. Eine Anerkennung dafür, dass ich mich nicht geschlagen gegeben habe. Zuletzt eine Anerkennung dafür, dass ich eben immer noch trotz allem meiner eigenen Stimme treu bleibe. Vielleicht waren genau dafür die letzten Jahre gut, ich habe mich zwar viel um mich selbst gedreht, aber es hat mir auch Klarheit verschafft unterscheiden zu können, zwischen diesen vielen verschiedenen Stimmen, die eben jeden Tag mit mir sprechen: Die Stimme der Angst, der Wut, der Familie, der Gesellschaft und letztlich diese eine Stimme, die sich selten bemerkbar macht, die selten laut schreit, sondern eher flüstert. Diese eine Stimme, die mir offenbart, was ich tun möchte, wenn ich vor nichts in der Welt Angst habe.
Was würdest du also machen, wenn dir nichts in der Welt Angst machen würde?
Wovon träumst du, wenn keiner zuguckt?
Je mehr ich darüber nachgedacht habe, was die Menschen denn nun wirklich davon abhält ihre Träume zu verfolgen, desto mehr ist mir ein Gedanke gekommen. Allzu oft wird das Geldproblem benannt: die finanzielle Unsicherheit, die fehlende finanzielle Absicherung. Aber selbst unter privilegierten Menschen ist es eher die Ausnahme, dass Menschen ihren Träumen nachgehen. Deswegen glaube ich mittlerweile, dass Angst vor sozialer Bewertung sogar ein größeres Hindernis sein könnte als der finanzielle Aspekt. Es geht denke ich allzu oft darum, nicht die Person sein zu müssen, die im Leben gescheitert ist. Dabei ist doch genau dieser Punkt am interessantesten: Wer bleibt an deiner Seite, wenn du am Boden liegst? Wenn du nichts zu geben hast außer der Person, die du bist? Und wer würde selbst dann bleiben, wenn es statusgefährdend wäre Zeit mit dir zu verbringen?
Von Fragen über Fragen, zu meinen Großeltern.