Was ist denn nun mein Traum?

Schon seit zwei Jahren habe ich mit ökologischen Dörfern geliebäugelt. Mein Interesse dafür, war auch sicherlich die Folge von einem Bedürfnis, das in der modernen Gesellschaft nie wirklich befriedigt werden konnte: Ein Bedürfnis nach tiefer Verbundenheit. Ich wollte ein Zusammenleben mit Menschen, die nicht aneinander vorbeileben, sondern durch das alltägliche Miteinander ein Gespür für die Bedürfnisse der anderen entwickeln. Freundschaften, in denen wir uns nicht nach einer Woche updaten müssen, über alles, was nun schon wieder im Leben passiert ist. Freundschaften, in denen wir uns im Alltag organisch über den Weg laufen. Freundschaften, in denen wir uns wirklich mit allen Facetten und in allen Situationen kennen, weil wir sie zusammen erlebt haben. Freundschaften, in denen wir uns noch im Alltag unterstützen können, wenn einer Hilfe braucht. Freundschaften, auf die wir uns eben noch verlassen können. Aber ich möchte mehr als eine Freundschaft. Ich möchte eine Gemeinschaft, in der wir uns nicht nicht nur in einer einzelnen Funktion als Diensleister, Konsument, Trainer, Freund oder Nachbar begegnen, sondern in der wir die ganze Bandbreite wahrnehmen können. Ich möchte dich kennen, nicht nur als Dienstleister, nicht nur als Konsument, nicht nur als Trainer, nicht nur als Freund, nicht nur als Nachbar, sondern als der Mensch, der du bist, wenn du keine eindeutige Rolle erfüllen musst, wenn du einfach sein darfst, wer du bist. Ich möchte es spüren: Diese tiefe Verbundenheit, die über alle Rollen hinausgeht, und eben nur entstehen kann, wenn unsere Beziehung auf mehreren Ebenen lebendig sein darf. 
In meiner aktuellen Lebenssituation hatte ich nicht den Eindruck, dass dieses Bedürfnis befriedigt hätte werden können. Ich hatte sogar das Gefühl, dass mein Wunsch nach Verbundenheit fast schon als Belastung wahrgenommen worden ist. Ich habe manchmal gespürt, dass sich andere Menschen zu bedrängt von mir gefühlt haben. Bedrängt in meiner Neugierde für ihre Bedürfnisse, für ihre Gefühle, für ihre Wünsche. Das hat mich gleichzeitig auch traurig gemacht, und nochmal irgendwie eine Form von Distanz geschafft, obwohl ich doch einfach nur aufrichtige Nähe wollte. In meiner Wahrnehmung schien es manchmal fast schon so, als wenn sich die Leute gar nicht mit ihren Gefühlen beschäftigen wollten. Als würden sie lieber genauso weiter machen, wie bisher, ohne hinterfragt zu werden, oder sich selbst hinterfragen zu müssen. Gleichzeitig kam in mir folgender Gedanke auf: Wenn ein Mensch Angst vor den eigenen Gefühlen hat, dann kann es ja nur ein Zeichen dafür sein, dass irgendwas im Leben nicht im Einklang ist. Hier hatte ich manchmal den Eindruck, dass viele ihre eigenen Bedürfnisse lieber übersehen haben, einfach nur um reinpassen zu können, und um dieses ganze gesellschaftliche Spiel aus Erwartungen, Identität und Zielen weiter mitspielen zu können, um eben kein Versager in Augen anderer sein zu müssen. Je mehr ich auch an meinen Bachelor denken muss, desto absurder finde ich auch, dass ich damals völlig meine eigenen Gefühle sabotiert habe: Statt mir einzugestehen, dass ich mich nicht konzentrieren kann, weil es mir sinnlos vorkommt, habe ich munter weiter Koffein zu mir genommen. Damit konnte ich nämlich sehr gut funktionieren und äußerst zuverlässig meine Gefühle übertönen. Seitdem habe ich beobachtet, dass ich mich eigentlich nur nach Koffein sehne, wenn ich mir meine eigenen Grenzen nicht eingestehen möchte. Vor allem wenn ich nicht bereit dazu bin eine Pause zu machen, weil ich lieber etwas aus dem Tag machen möchte. Mein Wunsch von einem ökologischen Dorf hatte auch damit zu tun, selbst nicht mehr dem gesellschaftlichen Leistungsdruck ausgesetzt sein zu müssen. Ich fand den Gedanken toll, ein paar Stunden am Tag einer Tätigkeit für das Dorf nachzugehen, während ich den Rest der Zeit einfach sein, einfach tun darf, wonach ich mich fühle ohne Bewertungsmaßstäbe von außen. Zufällig hatte mir eine Freundin dann von dem Zukunftsjahr im Ökodorf Schloss Tempelhof erzählt: Ein Orientierungsjahr für Menschen unter 26 Jahren. Nach einer kurzen Recherche hatte ich mich angemeldet für ein Kennenlernwochenende, das kurzer später auch schon losging.

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