Auf Eis gelegt

Je mehr ich diesen Emotionen entfliehen wollte, desto mehr hat sich mein Kopf verselbstständigt bis zu dem Punkt, an dem ich ohne geballten Koffeinintake nicht mehr lesen konnte. Ich konnte nicht länger leugnen, dass ich dieses Studium nicht mehr weitermachen kann. Dieses Studium, das anfangs so eine große Hoffnung für mich bedeutet hatte, da ich doch endlich mal etwas über den Menschen lernen wollte. Ich wollte verstehen, wie das Gehirn funktioniert, wie Gedanken geschaffen werden, wie ich Leiden minimieren kann. Nicht nur irgendein Leiden, sondern vor allem mein Leiden. Ich wollte verstehen, wie ich aufhören kann die Welt durch meine pessimistische Brille zu sehen. Ich wollte verstehen, wie ich wieder anfangen kann, der Welt mit Positivität und Vertrauen zu begegnen. 
Gleich nach dem ersten Unitag habe ich dann wieder geträumt: Eine alte Lehrerin hat zu mir gesagt, dass Cognitive Science doch gar nicht zu mir passt, weil ich mich doch eigentlich überhaupt nicht für Technik, sondern für den Menschen interessiere. Natürlich hätte die Wahrheit zu sehr weh getan, um sie mir gleich am Studienbeginn einzugestehen. Also habe ich dann alles daran gesetzt die Wahrheit noch ein Stück weit länger vor mir selbst zu verleugnen. Um zu funktionieren musste dann ganz schnell eine Mate pro Tag her, aus einer wurden zwei, und aus zwei wurden schließlich eine täglich Koffeintablette mit einer Mate. An Tagen ohne Koffein, konnte ich gar nichts mehr machen, ich war völlig gelähmt. Als ich das begriff, habe ich aufgehört, aufgehört funktionieren zu wollen.
An diesem Punkt ist dann alles in mir hochgekommen: Die Wut mir selbst gegenüber, dass ich die Wahrheit so lange verleugnet habe, die Trauer, das ich schon wieder nicht das Richtige für mich gefunden habe und die Angst vor meiner Zukunft.
Aber diesmal wollte ich nicht schon wieder so wie immer handeln:
Ich wollte meinen Zukunftsängsten nicht schon wieder entfliehen, indem ich mich in irgendetwas Neues stürze, nur damit ich dem Gefühl der Ungewissheit nicht länger ausgesetzt bin, nur damit ich, Menschen beweisen kann, etwas Nützliches für die Gesellschaft zu tun, nur damit ich mich in meinem Selbstwert gefestigter fühle.
Ich wollte lernen zu vertrauen, dass sich mein Weg auch abseits der Unisysteme finden wird.
Ich wollte lernen zu vertrauen, dass mich meine Gefühle des Weges weisen werden, ohne, dass ich wissen muss, wo es mich hinführen wird.
Und schließlich wollte ich Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten erlernen, ohne, dass sie von einzelnen Personen oder Institutionen bestätigt oder anerkannt werden müssen.

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