Ein Wochenende im Ökodorf

Mit den anderen Interessenten fürs Zukunftsjahr habe ich mich schnell sehr wohl gefühlt. Ich hatte den Eindruck, dass wir alle Suchende wahren, die bisher noch keine tiefe Zufriedenheit finden konnten, in der Gesellschaft, wie sie eben aktuell funktioniert. Es hat sich auch ein Stück weit erleichtert angefühlt, dass wir nicht mehr allein waren mit unseren Zweifeln gegenüber der Gesellschaft. Hier bin ich auch besonders mit dem Koch in der Kantine auf Resonanz gestoßen. Wir haben uns köstlich amüsiert, über die Tatsache, dass wir doch tatsächlich wählen, gehen dürfen. Wir dürfen einen Vertreter für unsere Wünsche wählen, damit wir nicht selbst entscheiden müssen. Wir dürfen Steuern zahlen, damit Entscheidungen für uns getroffen werden, von denen wir selbst so weit weg sind, dass wir sie gar nicht mehr alle überblicken können. Köstlich amüsieren mussten wir uns darüber, dass wir uns in diesem System nie frei fühlen konnten und deswegen nach Alternativen gesucht haben. Obwohl uns der Humor zum Lachen gebracht hat, wussten wir beide, dass auch eine tiefe Trauer hinter unserer Ironie versteckt war. Aktuell sehe ich diese Aussagen wieder differenzierter, aber zu diesem Zeitpunkt konnte ich nur das Negative an unserer Gesellschaft sehen. 
Zurück zum Ökodorf: Es hatte eine eigene Kantine, mit fast ausschließlich selbst angebauten Lebensmitteln. Hier konnte ich also noch befreit essen, ohne darüber nachdenken zu müssen, wie viele Konservierungsstoffe ich nun schon wieder zu mir nehme. Allein zu wissen, dass ich hier einfach drei Mal am Tag gute Lebensmittel serviert bekomme, war für mich eine unglaubliche Luxusvorstellung. Dazu gab es noch eine Schule für freie Entfaltung. Eine Schule, in der die Kinder noch selbst erforschen durften, wofür sie sich interessieren. Hier gab es keinen klassischen Frontalunterricht, keinen Lehrplan, sondern ein Lernen durch freies Spielen. Rechnen wurde gelernt, in dem die Kinder ein Rollenspiel an einer Supermarktkasse gespielt haben. Nicht, weil es ihnen vorgegeben worden ist, sondern rein aus einem intrinsischen Interesse heraus. Lehrer gab es hier auch keine, sondern Begleiter. Begleiter mit verschiedenen Schwerpunkten, die den Kindern in den Themenfeldern helfen konnten, wenn sie Fragen hatten. Wir hatten drei Begleiter für unser Zukunftsjahr. Unsere Begleiterin hatte uns die Schule gezeigt, und erklärt, dass die meisten Kinder erst sehr viel später anfangen abstrakt zu denken, wenn sie denn den Freiraum haben. Außerdem haben sich die Mehrheit der Kinder intrinsisch weniger für abstrakte Themen und abstraktes Denken interessiert. Als der Satz gefallen ist, musste ich ein wenig schmunzeln. Ich musste darüber nachdenken, wie viel Prozent aller Menschen mittlerweile in die Uni geht, die Institution für höhere Bildung. Allein diese subtile Bewertung unserer Gesellschaft Ausbildungen gegenüber macht mich wütend. Allein dieser Begriff: Institution für höhere Bildung. Höhere Bildung, wie kann man überhaupt behaupten, dass die Bildung in einem Feld höher wäre als in einem anderen arghhhhh. Naja, ich wollte ja eigentlich nur von den Erfahrungen im Ökodorf berichten, aber irgendwie ist es mir dabei unmöglich, nicht meine Gesellschaftskritik loszuwerden, weil sie so sehr mein Inneres aufwühlt.
Während ich fasziniert von dem Kreislauf des Ökodorfs war, hatte ich das Gefühl, dass unsere Begleiter ein wenig müde waren. Nach diesem Wochenende hatten Sie aufjedenfall auch Urlaub, und ich hatte den Eindruck, dass sie den auch wirklich brauchten. Ich fand es ein wenig schade, weil ich glaube, dass ihre Abgeschlagenheit meine Gefühle gegenüber dem Ökodorf sehr stark beeinflusst hat: In meinen Augen haben diese Menschen so viel aufgebaut, so viel gearbeitet, um diesen wundervollen und besonderen Ort zu schaffen, und gleichzeitig hat es auf mich so gewirkt, als könnten Sie selbst gar nicht mehr sehen, was da eigentlich vor Ihnen liegt. Wir konnten uns auch mit den Teilnehmern vom letzten Zukunftsjahr unterhalten, und obwohl jeder Einzelne es weiterempfohlen hat, konnte mich eine Wahrnehmung nicht loslassen. Mir hat in den Gesichtern, das Leuchten gefehlt, die Begeisterung für das, was Sie erlebt hatten. Ich hatte mich auch mit einer jungen Erwachsenen unterhalten, die in dem Dorf groß geworden ist, und einen ähnlichen Eindruck bekommen. Sie wirkte auf mich nicht wirklich zufrieden, sondern eher ein weniger gelangweilt von dem Leben im Dorf. Ich hatte sie gefragt, wie ihre Kindheit war, wie es sich angefühlt hat hier aufzuwachsen. Natürlich hatte ich auch irgendwie eine positive Antwort erwartet, weil es in meinen Augen das Paradies eines jeden Kindes sein muss. Ihre Antwort hatte mich ein wenig erschüttert: Unsere Eltern waren so beschäftigt damit das Dorf aufzubauen, das für uns kaum Zeit blieb.
Als ich später einen der Begleiter auf seine Kinder ansprach, vermittelte er mir ein ähnliches Bild: Mit einem fast schon genervten Gesichtsausdruck antwortete er sarkastisch, dass seine Kinder, die er ja für das Dorf zu sehr vernachlässigt hatte, alle gerade woanders leben. Es mag an dem Alter liegen, denn die Kinder waren alle so in der Alterspanne von 16- 25 Jahre. Vielleicht ist es ja einfach Teil dieser Entwicklungsstation, dass es einen gewissen emotionalen Abstand braucht, um ein eigenständiger Mensch zu werden. Damit diese Gefühle irgendwie Sinn machen, werden dann rationale Gründe gesucht, warum man denn jetzt keine Lust mehr auf die Lebensweise der Eltern hat, oder eben, was die Eltern falsch gemacht haben. Trotzdem hat mich diese Antwort ein wenig erschüttert. Ich konnte es kaum fassen, dass diese Kinder nicht sehen konnten, wie viel Positives hier für die Gesellschaft entstanden ist. Und vor allem welches Privileg es ist, auf eine Schule für freie Entfaltung gehen zu können. Je mehr ich mich gefragt habe, woher diese Unzufriedenheit kommt, desto mehr ist mir aufgefallen, dass viele Menschen hier auch so getrieben auf mich wirkten. So getrieben vom ständigen Tun, ohne sehen zu können, was sie schon alles haben. Natürlich muss ich an dieser Stelle ganz klar sagen, dass ein Wochenende nicht ausreicht, um ein klares Bild über den Zustand eines ganzen Dorfes zu bekommen. Trotzdem hatte mich das Gefühl nicht losgelassen, dass diesem Dorf etwas Wesentliches fehlt. Es war nichts Materielles, was diesem Dorf in meinen Augen gefehlt hat: Es war eine innere Zufriedenheit, die nur dort wachsen kann, wo der Boden mit Dankbarkeit und gegenseitiger Wertschätzung gedüngt wird.
Hierin liegt die Ironie, ich schreibe davon, was dem Dorf fehlt und erinnere gleichzeitig an Dankbarkeit für das, was da ist und gegenseitiger Wertschätzung. Dankbarkeit und gegenseitige Wertschätzung, eine Haltung, an die ich mich in meinem Alltag öfter erinnern möchte. In unserer Abschlussrunde ist ein Satz gefallen, den ich besonders mochte: Ihr lernt unser Ökodorf nicht als Ideal kennen, sondern als Realität. So sehr das Ökodorf entstanden ist, um etwas Besseres zu erschaffen, so sehr hat es die Menschen vielleicht auch davon abgehalten, nicht mehr nach etwas Besserem im Außen zu suchen, sondern die Antwort in einer inneren Entwicklung finden zu wollen. Vielleicht ist das die Stärke unserer modernen Gesellschaft: Wir haben so viele Optionen und Möglichkeiten, dass wir zwangsläufig anerkennen müssen, dass Orte zwar als Garten fungieren können, aber Blumen nur dort blühen können, wo wir im Inneren angefangen haben, sie zu wässern.

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