unser leben - voll komischer züge
Auf dieser Fahrt denken alle Menschen stets an das, was kommen mag.
Mit dem Blick aus dem Fenster erwartet die eine Hälfte ein Tal,
während die anderen einen Berg vermuten.
Diese Meinungsverschiedenheit löst riesengroße Konflikte zwischen den Gruppen aus.
Daher ist man sich einig:
Damit die Erwartungshaltung der Passagiere genauer die Realität widerspiegelt, braucht es Regeln.
Diese Regeln sollen dazu dienen, Muster zu erkennen,
damit die bloße Meinung durch etwas realeres als die eigene Vorstellung gefestigt werden kann.
Wild wird spekuliert, welche Muster und Regeln, die bestmöglichsten Prognosen liefern.
Auch die jüngsten Passagiere werden gleich eingeführt in die größte Herausforderung auf dieser Talerfahrt.
Es ist nicht die Fahrt selbst, nein!
Es sind die Prognosen:
Früh werden sie bei dem Blick aus dem Fenster gelehrt Regeln und Muster abzuleiten,
um zukünftig die Prognosen der Talerfahrt weiterentwickeln zu können.
Manche Kinder aber verstehen es nicht,
sie verstehen nicht, warum ihr Blick aus dem Fenster stets dem höheren Ziel dienen soll,
endlich bessere Prognosen zu entwickeln.
Um diese Problemkinder aufzufangen, wird früh psychologische Unterstützung angeboten,
und wenn Gespräche mit Experten nicht mehr helfen, dann hat man durch Prognosen festgestellt,
dass man Grundlegenderes bei den Kindern ändern muss.
Um ihren Blick aus dem Fenster zu schärfen, werden nun spezielle Brillen angefertigt.
Manche Kinder beschweren sich, dass sich ihr Wesen so verändert,
denn ihre Realität ist nicht mehr die gleiche.
Dafür fühlen sie sich aber jetzt endlich zugehöriger,
ihr geschärfter Blick befähigt sie nämlich dazu,
auch nur noch das Essenzielle dieser Fahrt zu analysieren, um bessere Prognosen zu entwickeln,
und endlich einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten zu können.
Manche von Ihnen werden überraschenderweise sogar zu den besten Prognostizisten des ganzen Zuges.
Fast alle arbeiten nun im Konsens auf diese eine Position zu,
sie alle wurde das gleiche Dogma gelehrt:
der beste Prognostizist wird am meisten begehrt!
Und so dreht sich nun die ganze Talerfahrt um Prognosen:
und die Prognose, darüber wie gut die Talerfahrtprognose denn nun wirklich die Realität wiedergespiegelt hat,
entscheidet über den Gemütszustand der Prognostizisten.
Sie entscheidet nicht nur darüber wie gut sich die Prognostizisten fühlen, nein die Prognose der besten Prognostizisten entscheidet sogar darüber,
ob die anderen Passagiere ein Tal oder einen Berg sehen.
Und so ist der Blick aus dem Fenster stets derselbe,
doch die Prognose entscheidet, was die Passagiere sehen.
Manche Kinder hinterfragen,
warum es den Erwachsenen denn so wichtig ist,
bessere Prognosen zu entwickeln.
Schnell werden sie aufgeklärt,
dass Prognosen dazu befähigen,
die Tiefen der Talerfahrt besser zu bewältigen.
Die meisten Kinder können das verstehen.
Andere brauchen halt eine Brille, um das Essenzielle dieser Fahrt zu sehen,
aber manche wollen die Brille nicht aufsetzen.
Sie helfen der Gesellschaft nicht,
die Prognosen weiterzuentwickeln,
sie wollen weder ihren Blick aus dem Fenster, noch ihren Gemütszustand, noch ihren Stand in der Gesellschaft darauf beschränken, wie gut sie prognostizieren können.
Manche Prognostizisten erfinden Wörter, um das Wesen dieser Kinder zu beschreiben,
das Bedeutendste und Wirkungsvollste darunter ist: Nutzlos.
Kinder sowie Erwachsene,
sie alle fürchten sich vor diesem Titel.
Lieber ist man natürlich Prognostizist,
um den bedeutendsten Beitrag in der Gesellschaft zu leisten.
Der Weg dahin wird aber immer schwerer,
denn die Talerfahrt sie hört nie auf:
Ein Blick aus dem Fenster reicht längst nicht mehr aus,
um die ganzen Regeln und Muster,
die es zu beachten gilt, zu kennen.
Die Prognostizisten sind sich einig:
Es braucht Kinder mit verschiedenen Spezialisierungen,
damit alle Details beachtet werden können.
Dafür müssen sie zunächst einmal die Grundlagen ihrer Spezialisierung auswendig lernen.
Anschließend dürfen Sie dann ihre Lebensfahrt lang aus dem Fenster gucken,
um das von Ihnen mühsam erlernte Detail zu analysieren.
Manche Prognositzisten sehen jetzt nur noch die Blätter der Eiche,
andere die Blätter der Distel.
Viele Prognostizisten können den Blick aus dem Fenster kaum noch ertragen,
zu sehr sind sie gelangweilt von diesem Anblick des Details.
Wenn Sie sich über diesen Zustand beschweren,
erfahren sie schnell Gegenwind,
denn sie hatten doch stets die freie Wahl,
worauf sie ihren Blick aus dem Fenster richten wollen.
Positivere Passagiere wiederum hoffen stets weiter darauf, noch genauere Muster in dem Blatt der Eiche zu erkennen, um endlich die Prognosen weiterzuentwickeln.
Um den aufkommenden Gegenwind zu bewältigen, hat der Rat der auserwählten besten Prognostizisten beschlossen neue Wörter einzuführen.
Passagiere, die stets daran glauben und stets darauf hoffen, die Prognosen weiterentwickeln zu können, werden ambitioniert, willensstark, ausdauernd, diszipliniert und wenn sie es in den Rat der Prognostizisten schaffen,
sogar hochintelligent genannt.
Passagiere, die ihren Blick von den Details abwenden und ihren Blick schweifen lassen,
die werden als faul deklariert.
Manche von Ihnen schaffen es auch sozial genannt zu werden, aber nur wenn Sie sich gut genug um die anderen Passagiere kümmern.
Obwohl diese Begriffe etabliert worden sind, um absolute Aussagen zu treffen.
Wird ein und derselbe Passagier manchmal faul und manchmal sogar ambitioniert genannt.
Nicht nur der Blick aus dem Fenster,
nein sogar der Blick aus dem Auge,
ist abhängig von den eigenen Vorstellungen.
Dieses Problem wurde selbstverständlich,
von dem Rat der Prognostizisten erkannt,
daher braucht es nun auch einheitliche Regeln,
um die Wörter besser zuweisen zu können.
Manche Passagiere sollen ihren Blick deswegen von nun an auf andere Passagiere lenken.
Die Prognosen sollen weiterentwickelt werden,
um das Verhalten der Menschen besser zu verstehen, vielleicht sogar vorherzusagen.
Die Furcht davor, negative Wörterzuweisungen zu bekommen steigt.
Diese Furcht führt einige Passagiere in totale Passivität,
zu groß ist die Angst, negative Wörterzuweisungen zu bekommen,
oder den positiven Wörterzuweisungen nicht gerecht zu werden.
Obwohl die Prognostizisten immer besser Tal oder Berg vorhersagen können,
gibt es nach wie vor Uneinigkeiten.
Manche Spezialisierungen kritisieren sich sogar gegenseitig,
dabei wird häufig über die Grenzen des Details der anderen gespottet,
ohne sich jedoch die Grenzen der eigenen Spezialisierung einzugestehen.
Sogar innerhalb der Spezialisierungen gibt es Streit zwischen den aufgestellten Regeln und deren Richtigkeit.
Die Groteske nimmt zu:
während die Prognosen immer besser werden,
und die Passagiere folglich immer besser,
ausgestattet sein müssten,
um die Tiefen des Tals zu bewältigen,
steigt sowohl das Leid der Passagiere als auch die Widersprüchlichkeit über die Regeln die aufgestellt wurden, um die Prognosen zu verbessern.
Nun geht es längst nicht mehr über die Prognosen von der Talerfahrt,
der Blick aus dem Fenster ist ein anderer geworden.
Der Blick ist nun auf die Technik des Zuges gerichtet.
Die Prognostizisten sind sich einig:
Die Passagiere sind in ihrer Gesamtheit zu beschränkt. Keine Kombination aus Passagieren wird die Widersprüchlichkeit der Regeln verstehen können.
Daher richtet man nun den Blick weg vom Fenster auf die Technik.
Das gelehrte Dogma ändert sich:
Kenntnisse, die zuvor gefragt waren,
entpuppen sich nun als Nutzlos.
Die Geschichte wiederholt sich,
das Feld ändert sich:
angekommen sind die Passagiere nur an einer Stelle,
und zwar dort wo sich der Rat der Prognostizisten einig ist:
Es braucht Kinder, die ihren Blick mit verschiedenen Spezialisierungen auf die Technik richten,
damit die Technik dann alle Details beachten kann,
um die von den Menschen aufgestellten Widersprüche zu lösen.
Dabei ist doch der größte Widerspruch,
unser Leben mit diesen komischen Zügen:
Wenden wir uns von den Prognosen ab, gewinnen wir die Balance, und verlieren zugleich die höchsten Höhen sowie die tiefsten Tiefen.
Wenden wir uns den Prognosen zu,
gewinnen wir die höchsten Höhen
sowie die tiefsten Tiefen, und verlieren die Balance.
„Dabei ist das ursprüngliche Ziel der Prognosen doch weniger tief zu fallen?“
Das ist also dieses Leben mit diesen komischen Zügen.
Dabei bleibt wohl der komischste Zug des Lebens,
genau der,
dass man die Wahrnehmung verstehen möchte,
und letztendlich genau dieser Wille unsere Wahrnehmung verstehen zu vollen,
unsere Wahrnehmung trügt.
Also ist unsere Beobachtung verfälscht,
von dem Willen sie verstehen zu wollen.
Und jedes Verständnis der Beobachtung verfälscht von unserer Beobachtung.
Und alles was bleibt, ist der Blick.
Der Blick, den wir nicht verstehen können. Der Blick, den wir nie verstehen werden.
Und dieser Blick, mit dessen Unschärfe wir uns nie zufrieden geben werden.
Eben genau dieser komische Zug, der uns trotz allem hoffentlich am AugenBlick hält.